Von „Nachtschatten“ bis „Rheingold“: Ein Regisseur erzählt deutsche Märchen und Mythen

Von Hans C. Blumenberg

Befremdetes Staunen zwischen Düsseldorf und Köln, leichte Unruhe zwischen Bonn und Koblenz, Pfiffe, Buhrufe und Gelächter zwischen Koblenz und Mainz, Hohn und Spott schließlich auf dem Rest der Strecke: Mannheim, Karlsruhe, Freiburg, Basel. Während die weiß gewandete Diplomaten-Gattin Elisabeth Drossbach langsam an einem Messerstich in die Leber verblutete, fuhr Niklaus Schillings Trans-Europ-Express „Rheingold“ bei seinem ersten Einsatz geradewegs in eine Katastrophe. Das Premieren-Publikum bei den Berliner Filmfestspielen 1978, das wohl einen flotten Eisenbahn-Krimi erwartet hatte und statt dessen eine 91 Minuten lange Todes-Elegie zu sehen bekam, reagierte unwirsch mit dem Griff zur Notbremse. Und auch die Kritik fühlte sich verprellt: „Klassenkeile“ drohte Friedrich Luft, neckisch wie meistens, dem Auswahlkomitee für seine „Rheingold“-Entscheidung an, während die geschätzte Kollegin Brigitte Jeremias in der FAZ den Film schlicht „lächerlich“ fand.

Als „Rheingold“ ein paar Monate später beim Festival in Toronto lief, gab es andere Reaktionen. Der bekannte Kritiker und Filmtheoretiker Gene Youngblood schwärmte in der zur Zeit besten nordamerikanischen Filmzeitschrift „Take One“: „Nichts hätte uns auf den Triumph von ‚Rheingold‘ vorbereiten können. Es ist, ganz einfach, ein Meisterwerk ... Als ihr Leben zu Ende geht, sieht die Frau in einem Fiebertraum ihren Liebhaber. Wir sehen diese Visionen. Sie gehören zu den ungewöhnlichsten der Filmgeschichte. Ich kann die Majestät und Romantik dieser Szenen nicht beschreiben.“

Pauschale Ablehnung auf der einen Seite, pauschaler Jubel auf der anderen: Wie kein anderer deutscher Film der letzten Zeit (außer vielleicht noch Peter Handkes „Linkshändiger Frau“) provoziert „Rheingold“ extreme Meinungen. Und auf den zweiten Blick erscheint diese Mischung von Schimpf und Euphorie auch verständlich. Niklaus Schilling, 1944 in Basel geboren, gelernter Dekorateur und Grafiker, seit 1965 Kameramann und Filmemacher in München, ist ein Provokateur. Nach den Regisseuren gefragt, von denen er gelernt hat, nennt er nicht nur die übliche Liste illustrer Namen von Lang und Lubitsch bis Dreyer und Renoir, sondern auch und zumal Männer wie Pewas, Bertram, Wisbar, Deppe, Harlan, Stemmle, Steinhoff und Jugert: Regisseure mithin, die das deutsche Kino von den dreißiger bis zu den fünfziger Jahren geprägt haben, die zum Teil schlimmen Nazi-Schund auf dem Gewissen haben, die in seriösen Filmgeschichten entweder überhaupt nicht vorkommen oder nur als Schreckensfiguren.

Extreme Künstlichkeit

An deren Filmen schätzt der gebürtige Schweizer Schilling, der es sich eher leisten kann, deutsche Tabus zu ignorieren, ihren romantischen Irrationalismus: „‚eine deutsche Gefühlswelt‘, wenn man so will, die ein geradezu idealer Kinostoff sein kann.“ Und: „Man kann sagen, daß die besonderen Qualitäten des deutschen Kinos natürlich mit dem Land, der Gegend, dem Boden, vielleicht mit den Menschen überhaupt zu tun haben. Und den Mythen eben auch.“