Von Gabriele Venzky

Drei Tage dauerten die unerfreulichen Verhandlungen über die Zukunft Namibias in der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria. Doch erst in der letzten Minute, buchstäblich bei der Verabschiedung der fünf westlichen Minister vom südafrikanischen Premier Botha, kam dann das zustande, was von beiden Seiten freudig als "Ergebnis" bezeichnet wurde, in Wahrheit aber kaum mehr als ein fauler Kompromiß ist.

Die Zuversicht ist allerdings verständlich. Denn fürs erste glauben alle Beteiligten, aus dem Schneider heraus zu sein. Der Westen braucht nun keine Wirtschaftssanktionen über die Burenrepublik zu verhängen – was er auch gar nicht möchte. Den drängenden Schwarzafrikanern kann er entgegenhalten, daß weiterverhandelt wird. Und die Südafrikaner fühlen sich, mit Recht, als Sieger. Weder müssen sie auf "ihre" Wahlen in Namibia verzichten, noch brauchen sie ihre Gürtel enger zu schnallen. Ihr einziges Zugeständnis, die für den 31. Dezember vorgesehene, einseitig verkündete Unabhängigkeit Namibias bis in den Sommer zu verschieben, drückt sie nicht.

Dabei waren die Minister Vance (USA), Owen (Großbritannien), Stirn (Frankreich), Genscher (Bundesrepublik) und Jamieson (Kanada) mit der Absicht nach Pretoria gekommen, den Südafrikanern ihren einseitigen Namibia-Wahlplan auszureden. Denn an diesen Dezember-Wahlen werden sich nur die von Pretoria abhängigen Parteien "Demokratische Turnhallen-Allianz" und "Aktur" beteiligen. Ziel des westlichen Gegenplans war es, an international überwachten Wahlen alle politische Gruppierungen zu beteiligen, also auch die Guerilla-Organisation Swapo, die von ihr abgespaltene Gruppe der Swapo-Demokraten und die gemischtrassige "Namibia National Front".

Das Hauptargument des Westens: Nur so sei der Rassenkrieg zu vermeiden und eine internationale, also auch von der Sowjetunion akzeptierbare Lösung zu finden. Da nun aber doch, so wie es sich Pretoria vorstellt, im Dezember gewählt wird, die von den Vereinten Nationen überwachten Wahlen jedoch erst im nächsten Sommer stattfinden sollen, ist eine sowjetischkubanische Intervention zugunsten der Swapo-Partisanen wieder wahrscheinlicher geworden. Offensichtlich ist es den westlichen Fünf nicht gelungen, Botha klarzumachen, wo die gemeinsamen Interessen liegen: Beiden Seiten kann nicht daran gelegen sein, daß sich der Kreml im südlichen Afrika engagiert. Vielmehr müßten sie beide die Sowjets in eine Mitverantwortung für eine friedliche Entwicklung einzubinden versuchen.

Der jetzt vorliegende widersprüchliche Stufenplan allerdings wird dies verhindern. Das Ergebnis der Wahlen am 4. Dezember, die von der südafrikanischen Armee beaufsichtigt werden, steht nämlich bereits fest. Wahlsieger wird der pro-südafrikanische Dirk Mudge sein, der Vorsitzende der "Demokratischen Turnhallen-Allianz". Fest steht außerdem: Der Westen betrachtet diese Wahlen "als null und nichtig" und will die eigentliche Entscheidung erst den von den UN überwachten Wahlen im Juni oder Juli überlassen. Mudge hält diesen zweiten Wahlgang für "vollkommen unakzeptabel". gibt keine plausible Erklärung dafür, warum der südafrikanische Premier seinem Protegé in einem halben Jahr genau das zumuten wollte, was Botha selber heute weit von sich weist. Außerdem würde Südafrika mit der Sommerwahl doch zugeben, daß die Dezemberwahlen überflüssig waren. Botha hat zwar erklärt, er wolle sich bei den Siegern der Dezemberwahlen für die Sommerwahlen verwenden, aber "wie kann ich heute garantieren, daß es mir gelingt, jemanden zu überzeugen"?

Noch aus einem anderen Grund darf man bezweifeln, daß die zweiten Wahlen jemals stattfinden. Südafrika will seine Truppen in Namibia – 20 000 bis 25 000 Mann – so lange nicht abziehen, wie die Feindseligkeiten mit der Swapo andauern. Und diese Kämpfe werden sich vermutlich nun verschärfen.