Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß Dorothy; und da seine Eltern beide gestorben waren, lebte es bei Onkel Henry und Tante Em in einer kleinen Kate irgendwo in Kansas im weiten mittleren Westen. Eines Tages, so träumte Dorothy, gab es einen gewaltigen Wirbelsturm, der sie mitsamt Haus und Hund Toto davontrug in das ferne Märchenland Oz. Von wo sie nie mehr nach Hause zurückgefunden hätte, wenn sie sich nicht über eine "Yellow brick road", eine goldgelb gepflasterte Straße zum "Wizard of Oz", dem guten Geist des Märchenlandes, aufgemacht hätte, durch dessen Zauberspruch sie erlöst wurde und vom Wind zurück zu Onkel Henry und Tante Em in Kansas getragen wurde.

Kaum ein amerikanisches Kind, das dieses Märchen vom Wizard of Oz nicht kennt und liebt; kein Einwohner von Kansas City, der seit, drei Wochen nicht auch den als Verpackungskünstler bekannten Christo kennt und liebt, der sich für über 100 000 Dollar einen Spaß daraus machte, viereinhalb Kilometer Spazierwege des schönsten Parks dieser Stadt in eine "Yellow Fabric Road" zu verwandeln und damit das Märchen vom "Wizard of Oz" wahrzumachen: mit Hilfe von 10 670 Quadratmetern safrangelben Nylongewebes, 80 000 Meter Nähgarn und 34 000 Nägeln. Wenn es je ein Künstler von heute geschafft hat, die Einwohner einer Millionenstadt mit seiner Kunst buchstäblich auf die Beine zu bringen, und dabei jung und alt gleichermaßen für sich zu gewinnen, dann Christo mit diesem, seinem jüngsten, Verpackungsprojekt "Wrapped Walkways in Kansas City". Ein Fest, ein Volksfest für die Augen, das sogar nicht wenige Kunst- und Christo-Freunde aus dem fernen Europa anlockte. In strahlender Herbstsonne übertraf der Loose-Park mit seinem goldgelb umsäumten Rosengarten und den glitzernden Spazierwegen selbst die kühnsten Phantasien vom Märchenland Oz. Die Frage, ob es sich dabei um ein Kunstwerk handelt, schien sich den meisten, die munter darüber hinwegspazierten, gar nicht erst zu stellen. Ein Sechsjähriger, den ich darauf ansprach, verblüffte mich mit der Antwort: "Sure, it’s a work of art – because it’s beautiful." Dem durfte nicht einmal der Stifter dieses Parks, Jacob L. Loose, selig, widersprochen haben, der seine Großzügigkeit an eine einzige Bedingung geknüpft hatte, nämlich nie ein Kunstwerk in diesem Park aufzustellen.

Zu den größten Überraschungen, die deutschen Besuchern von Kansas City – 10 000 Kilometer entfernt von der alten Reichshauptstadt – widerfuhr, gehörte die Frage, die immer wieder gestellt wurde, nämlich, ob es dem Künstler Christo wohl gelingen wird, den "Rekstag" einzupacken. Wie bitte? Ach so, den Reichstag! Die Antwort darauf sollte dem Präsidenten des Bundestags nicht mehr gar so schwerfallen, wenn die Frage danach heute selbst im fernen Kansas gestellt wird. Christo sei Dank.

WilliBongard