Koalition und Grüne, Widerständler und Neoklassiker: Meisterkrümel aus zittriger Hand

Von Heinz-Josef Herbort

Donaueschingen im Oktober – das bedeutet alljährlich den großen Simultan-Parteitag der Neuen Musik. Bedeutet drei Vollversammlungen der Delegierten (in Form von Konzerten), dazu einen Unterhaltungsabend mit dem seit Jahren verzweifelten Versuch von – Jazzern, unter die Seriösen gezählt zu werden, sowie eine außerparlamentarische Aktivität mit einer "Akustischen Spielform" (der Vorführung eines Hörspiels).

Und wie das so geht bei Parteitagen: Programmatische Aussagen, Standortbestimmungen, neue Leute, die debütieren oder sich zu profilieren versuchen, und eine Art von Kommuniqué, anschließend Übergang zum gemütlichen Teil, wenn – wir sind doch noch gute Monarchisten – Serenissimus zum Empfang ins Fürstenbergische Schloß bittet.

Das Parteitags-Resümee ist denn auch von dem der Kollegen aus der Politik kaum zu unterscheiden: zufriedenes Sich-auf-die-Schulter-Klopfen und Händeschütteln der Vorstandsmitglieder auf dem Podium, pflichtschuldigst die Akklamationen der Gefolgschaften und Genossen unten im Saal. Dazu die notwendigen Randerscheinungen: das primadonnenhafte Gehabe einzelner Parteivorsitzender, die während ihres Vortrages sogar striktes Photographierverbot verkünden lassen; die kleinen, fast verschwörerisch anmutenden Gruppierungen in cliquenhafter hermetischer Abgeschlossenheit; die Allgegenwart der elektronischen Medien und die Gesehen-werden-Repräsentanz ihrer Direktoren. Neu in diesem Jahr: auch die Transparente über den Einfallstraßen grüßen bereits mit Farben und Wappen des fürstlichen Nähr- und Ziehvaters und des von ihm produzierten alkoholischen Getränks, und die oberen Parteihierarchen logieren nicht mehr in den lokalen Herbergen, sondern in der feudalen Umgebung eines Golfplatzes.

Neu aber auch ein mittelgroßes Protestplakat, entrollt im Vorraum von der Donauhalle profanerem Teil, dort, wo für gewöhnlich die zur Versteigerung anstehenden Viecher ihr Abwarte-Heu mampfen: Aufmüpfige Typen von den "Jusys" demonstrierten dort. Die Jungsymphoniker erhoben ihre zaghafte Stimme gegen eine mangelhafte Organisation, gegen zu wenig Kontakt mit den Autoren, überhaupt gegen "den miesen Geist hier".

Der Bericht zur Lage der Nation enthält kaum Aufsehenerregendes. Nach außen hin tragen die Vertreter aller Parteien Lächeln und Euphorie, vergleichbar den Reaktionen nach der Bayernwahl: Alle haben gewonnen, auch wenn die Stimmenanteile sich geringfügig verschoben haben. Die regierende Partei hat ihre Position gefestigt, während die Opposition nach neuen Namen und neuen Mitteln sucht. Doch sollte die Zufriedenheit der Macher nicht hinwegtäuschen über jene Realität, die sich kaum in den großen Referaten ausdrückt, aber sich nichtsdestoweniger in allen Parteien und beim Fußvolk immer stärker bemerkbar macht: auch hier eine allgemeine Richtungs- und Ziellosigkeit – die Verdrossenheit.