Das Proletariat ist ein Zustand, der überwunden werden muß, das Bürgertum ist ein Zustand, der überwunden werden muß. Indem aber die Proletarier mit ihrem Proletkult den Bourgeoiskult imitieren, sind gerade sie es, die diese verdorbene Kultur der Bürger stützen, ohne sich dessen: bewußt zu sein; zum Schaden von Kunst und zum Schaden von Kultur. Durch ihre konservative Liebe für die alten, überlebten Ausdrucksformen und ihre ganz unverständliche Abneigung für die neue Kunst halten sie das am Leben, was sie nach ihrem Programm bekämpfen wollen: die bürgerliche Kunst.

Kurt Schnitters und andere im "Manifest Proletkunst" aus dem Jahre 1923 (siehe auch Seite 55)

Unstern über Hölderlin

Das traurigste Gerücht der Frankfurter Buchmesse Der Herausgeber der "Frankfurter Ausgabe" von Hölderlins "Sämtlichen Werken", Dietrich Eberhard Sattler, und der Verlag: Roter Stern wollen sich trennen. Da werden sich alle die Hände reiben, die es immer schon gewußt haben, daß es mit dieser Ausgabe, die ein philologischer Außenseiter in einem "linken" Verlag herausbringe, nicht gutgehen könne. Es ist aber gutgegangen – bis jetzt. Zur Messe ist der dritte Band (von zwanzig) erschienen, "Lieder und Hymnen". Sattler will neben dieser preiswerten Ausgabe, die er gleichwohl für zu teuer hält, eine billige Studienausgabe herausbringen, die auf all das verzichtet, was die "Frankfurter Ausgabe" anregend macht: Manuskripte in Faksimile und in typographischer Umschrift. Dazu kommen (nie ausbleibende) Verlags-Querelen und das (auch nicht unbekannte) Werben reicher Verlage um eine inzwischen zu wissenschaftlichem Ansehen gekommene Edition. Mitte November wollen sich die Partner zusammensetzen – hoffentlich nicht: um auseinanderzugehen.

Rettung durch Umbau

"Doch alles Bemühen der öffentlichen Hand um den Denkmalschutz bleibt letztlich Stückwerk, solange die Kulturaufgabe Denkmalpflege nicht vom Gemeinsinn der Bürger mitgetragen wird." Diesen Gemeinsinn zu wecken, hat sich kürzlich der "Denkmalfonds Schleswig-Holstein" konstituiert. Er wirbt um Mitglieder, sammelt Geld und hat eine vom Landeskonservator Hartwig Beseler verfaßte Schrift über "Kulturdenkmale in Not" herausgegeben (kostenlos zu beziehen vom Denkmalfonds, Markt 12, Kiel). Die Aktualität des Hilferufs bekräftigt ein. soeben vom Kieler Landesdenkmalamt veröffentlichter Hinweis auf das Kanalpackhaus in Kiel-Holtenau, einen imposanten, 77 Meter langen Backsteinbau, der abgebrochen werden soll. Mit ihm verschwände "ein Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung". Daher der Aufruf, das Bauwerk vor dem Abbruch zu bewahren, das heißt zugleich: eine angemessene neue Nutzung dafür zu finden. Eine inzwischen gelungene Aktion dieser Art wurde gerade mit dem "Preis des Deutschen Stahlbaus 1978" ausgezeichnet: ausdrücklich kein Neubau, sondern der Umbau einer alten Reithalle auf Schloß Gottorf in Schleswig zu einem Museum für zeitgenössische Kunst. Und Preisträger ist zum erstenmal eine Baubehörde, die Zentrale Planungsstelle der Landesbauverwaltung, geleitet von Regierungsbaudirektor Walter Meyer-Bohe.

Pop-Nachwuchs-Festival