Bei einem Autounfall, den ein Ehepaar mit zwei Kindern auf der Rückfahrt vom Urlaub verwickelt wurde, erlitten Vater, Mutter und beide Kinder schwere Verspäter festgestellt, daß den Familienvater, der den wagen zur Unfallzeit gesteuert hatte, keinerlei Schuld treffe; deshalb verurteilte das Gericht den Fahrer des anderen am Unfall beteiligten Autos zum Ersatz aller Arzt- und Krankenhauskosten und zur Zahlung von Schmerzensgeld in Höhe von insgesamt rund 15 000 Mark.

Die verletzte Ehefrau verlangte jedoch darüber hinaus eine zeitlich unbegrenzte Rente, weil sie in ihrer Erwerbstätigkeit (als Hausfrau) behindert sei. Seit dem Unfall leide sie an einem allgemeinen Erschöpfungszustand, der es ihr nicht erlaube, ihre Hausarbeit wieder aufzunehmen. Mehrere gutachtende Ärzte stellten fest, ihre Leistungsschwäche habe keinerlei körperlich objektivierbare Ursache, sondern sei nervlich bedingt. Der Grund der körperlichen Beschwerden sei offenbar eine, neurotische Fehlhaltung, die eine inadäquate psychische Verarbeitung des Unfalls zur Folge gehabt habe.

Dieser Fall, der schon vor Jahren vom Bundesgerichtshof entschieden worden ist, enthält ein rechtliches Problem, das die Rechtsprechung in verschiedenen Varianten immer wieder beschäftigt: Müssen Schäden auch dann ersetzt werden, wenn eine psychisch labile und daher besonders anfällige Person abnorm reagiert? Grundsätzlich bejahen die Gerichte diese Frage.

Die Schadensersatzpflicht wird nicht auf körperlich feststellbare Schäden beschrankt, sondern umfaßt auch Störungen nervöser und seelischer Art. Wer einen gesundheitlich und nervlich labilen Menschen verletzt, muß also mit höheren Schadensersatzforderungen rechnen, als wenn er einen völlig Gesunden geschädigt hat. Besondere Schwierigkeiten machten den Gerichten freilich schon immer die Fälle, in denen die neurotische Störung gerade darin besteht, daß der Geschädigte zwanghaft, auf seine Unfallansprüche fixiert ist; in der rechtswissenschaftlichen Literatur werden sie unter dem Stichwort "Rentenneurose" behandelt.

In Fällen dieser Art wird der Schädiger meist mehr oder weniger unverhohlen der Meinung sein, der Verletzte simuliere oder übertreibe zumindest die Schadensfolgen ganz erheblich, um sich auf diese Weise ein bequemes und arbeitsfreies Einkommen zu sichern. Andererseits hat sich der Verletzte in seine Anspruchshaltung so hineingesteigert, daß von einer neurotischen Flucht in die Krankheit gesprochen werden kann.

Das Reichsgericht – Vorgänger des Bundesgerichtshofs im Deutschen Reich – hat in einigen Entscheidungen auch in diesen Fällen eine Haftung nicht ausgeschlossen. Wenn nervöse Krankheitserscheinungen vom Schadensfall ausgelöst und durch die "Aufregungen des Prozesses gesteigert und verschlimmert worden sind", so daß der Verletzte in seiner "Widerstandskraft gegen die Unbilden und Kämpfe des Lebens" geschwächt wurde, so ist nach einer grundlegenden Reichsgerichtsentscheidung aus dem Jahr 1910 auch dies als echte Unfallfolge anzusehen und verpflichtet zum Schadensersatz. Nur wenn der Verletzte seine Schadensersatzansprüche "maßlos übertreibt", erst dadurch den Prozeß provoziert oder ihn "schwieriger und langwieriger gestaltet" und damit wiederum seinen Krankheitszustand verschlimmert, braucht der Schädiger diese Schadensfolgen nicht zu ersetzen.

Der Bundesgerichtshof hat die Rechtsprechung des Reichsgerichts, der die Bemühung um eine angemessene Eingrenzung der Haftung deutlich anzumerken ist, schon in den fünfziger Jahren weiter eingeschränkt. Wenn die gutachtenden Ärzte zu dem Ergebnis kommen, "daß das psychische Zustandsbild des Klägers, insbesondere dessen Untätigkeit, im wesentlichen durch das – wenn auch unbewußte – Streben nach einer ihm vorteilhaft erscheinenden Lebenssicherung oder die Anklammerung an eine vorgestellte Rechtsposition zu erklären ist – wobei der Unfall als Anlaß genommen wird, den Schwierigkeiten des Lebenskampfes auszuweichen –, so läßt sich billigerweise eine solche Folge nicht mehr dem Schädiger rechtlich zurechnen".