Von Herbert Jäger

Verständnis für die Entstehungsbedingungen sexueller Gewaltverbrechen und die Psychologie ihrer Täter zu verbreiten, ist ein unpopuläres Unternehmen, das mit Mißdeutungen und Widerständen zu rechnen hat. Sadistische Handlungen, zumal Tötungen, gelten allgemein als monströse Ausnahmen, so abseitig und schockierend, daß zu ihnen der Zugang psychologischen Verstehens versperrt erscheint. In der Bevölkerung lösen sie Entsetzen, Ängste, Gegen-Sadismus aus, Affekte also, die auf Ausstoßung, wenn nicht gar Vernichtung solcher Täter gerichtet sind und die eine sachliche Auseinandersetzung mit den Tathintergründen blockieren.

Indem die Täter zu Unmenschen deklariert werden, wird der Eindruck erweckt, als handele es sich um Zerstörungsakte außerhalb des Bereichs menschlicher Möglichkeiten, deren Ursachen zu klären kein Anlaß besteht. Oft wird sogar das Bemühen, sich forschend, deutend, einfühlend auf sie einzulassen, als befremdliche, ja unerlaubte Annäherung betrachtet, die die gebotene Distanz zu den Tätern aufhebt und die Aggressivität kollektiver Strafbedürfnisse gefährdet. Eine Humanisierung gesellschaftlicher Reaktionen wird auf diese Weise verhindert.

Um eine solche Humanisierung und größere. Rationalität im Umgang auch mit zerstörerischen Formen abweichenden Verhaltens geht es einer grundlegenden sexualwissenschaftlich-psychiatrischen Monographie –

Eberhard Schorsch/Nikolaus Becker: „Angst, Lust, Zerstörung – Sadismus als soziales und kriminelles Handeln – Zur Psychodynamik sexueller Tötungen“; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1977$ 320 S., 19,80 DM.

Das Buch, das sich auf Erfahrungen mit der forensischen Begutachtung von etwa 60 Delinquenten stützt und 16 Fallgeschichten dieses Materials eingehend darstellt und psychoanalytisch interpretiert, stellt viele in der Öffentlichkeit verbreitete und auch das Strafrecht beeinflussende Vorstellungen in Frage.

Korrigiert wird vor allem die Fehleinschätzung sadomasochistischer Verhaltensweisen als einer ausnahmehaften Randerscheinung.

Das idealisierende Bild der Gesellschaft von sich selbst duldet offenbar nicht die Einsicht, daß in der scheinbar so intakten Welt der Normalität destruktive Triebwünsche in vielfältiger Weise wirksam und die ins Blickfeld der Öffentlichkeit geratenden Extremfälle nur die Spitze eines Eisberges sind. Nicht nur sexualwissenschaftliche Intim-Umfragen, auch die Resonanz sadistischer Darstellungen in Film und Literatur und das breite Angebot einschlägiger Pornographie und Prostitution, das Rückschlüsse auf den Umfang der Nachfrage zuläßt, beweisen, daß die sexuelle Phantasie vieler Menschen durchaktive oder passive Schmerz-, Angst- und Gewaltlust stimuliert wird. Selbst die faszinierte Aufmerksamkeit, die sexuelle Mordfälle oft über viele Jahre hinweg finden, verrät etwas von der uneingestandenen tiefen Vertrautheit mit dem Gegenstand eines solchen Interesses. Was alles aus diesem zumeist verdeckten kollektiven Untergrund an destruktiver Energie freizusetzen ist, zeigt sich, sobald gesellschaftliche Ausnahmezustände – Kriege, totalitäre Herrschaft, staatlicher Terror – sadistisches Handeln legitimieren.

Bereits dieser Ausgangspunkt macht deutlich, daß Differenzierungen nötig sind. Sadistische Verbrechen, die den unmittelbaren Untersuchungsgegenstand bilden, sind selten; ihre soziale Bedeutung steht daher im umgekehrten Verhältnis zu dem Aufsehen, das sie erregen. Auch die Autoren des Buches behandeln letztlich, wenngleich mit interessanten Ausblicken auf das Gesamtphänomen, nur diesen kriminellen Sadismus. Daneben existiert eine der Größe nach nur schwer zu schätzende Gruppe von Menschen, die destruktive Triebwünsche auf unauffällige, unschädliche Weise innerhalb komplementärer Partnerbeziehungen, in subkulturellen Randgruppen, im Bereich der Prostitution oder auch nur, wie wohl überwiegend, in der Phantasie, ausleben. Dieser, wie man vielleicht sagen könnte, sozial integrierte Sadismus, von der Wissenschaft noch kaum erforscht und auch von Schorsch und Becker nur am Rande gestreift, stellt kaum eine soziale Gefahr dar. Bemerkenswert ist er jedoch insofern, als er das Ausmaß sadistischer Anfälligkeit erkennbar werden läßt, außerdem auch, weil er harmlose Varianten sadistischen Verhaltens, aber auch tolerierbare Freiräume ins Blickfeld rückt, deren präventiv wichtige Ventil- und Entlastungsfunktion aus moralischem Vorurteil zumeist verkannt wird.

Sozial bedrohlich – so eine zentrale These des Buches – sind sadistische Antriebe gerade dort, wo sie als solche oft kaum wahrgenommen werden: in gesellschaftlich gebilligten Verhaltensweisen, die vorübergehend destruktiven Impulsen sexualisiert werden. Gemeint sind Situationen, in denen Herrschaft über Schwächere, Abhängige, Unterdrückte die Möglichkeit gibt, sadistische Wünsche legitim zu verwirklichen. Nicht zufällig kreisen ja die Phantasien von Perversen. immer wieder um Bestrafung, Gefängnisse, Sklaverei, Folter, um Szenerien, also, die institutioneller Wirklichkeit nachgebildet sind.

Aus dieser Perspektive geht die Gefahr des Sadismus weniger von einer kleinen sexuellen Minderheit, sondern von der latenten Bereitschaft breiter Schichten der „normalen“ Bevölkerung aus, sich im sozialen, politischen und beruflichen Bereich sadistischen Antrieben zu überlassen. Die gesellschaftskritische Bedeutung dieses Hinweises auf Querverbindungen zwischen Sadismus und sozialem Handeln wird nicht dadurch gemindert, daß die Untersuchung selbst zur empirischen Aufhellung eines solchen Sadismus in Machtpositionen nichts beiträgt. Über Höß und Calley, die in diesem Zusammenhang genannt werden, wissen wir letztlich wenig. Ob ihre Verbrechen in jenem eng umrissenen Sinne, in dem Schorsch und Becker den Begriff mit Recht verwenden, sadistisch genannt werden können oder ob bei solchen „Grausamkeitsarbeitern“ libidinöse und destruktive Triebvorgänge voneinander getrennt sind, wie Alexander Mitscherlich vermutet, ist eine offene Frage.

Bezeichnend für die Sadismus-Forschung ist, daß sie kaum auf wissenschaftliche Vorarbeiten zurückgreifen kann. Erstaunliche Berührungsängste der Wissenschaft werden hier offenkundig, und dies bei einem Problem von allergrößter Bedeutung. Auch die Autoren müssen daher, statt auf schon vorhandene frühere Befunde, auf Darstellungen des Themas in Film und Literatur verweisen. Selbst, die, Tiefenpsychologie die auf diesem Felde am weitesten fortgeschrittene Disziplin, hat bisher nur Ansätze einer Theorie präsentieren können; an sie knüpfen die Erklärungsversuche des Buches an.

Danach wird der Grund für sadistische Entwicklungen bereits in jener etwa ins zweite Lebensjahr fallenden Phase gelegt, in der sich nach der vorangehenden Mutter-Kind-Einheit lebensentscheidende Prozesse der Ablösung, Trennung und Verselbständigung vollziehen. Wird dieses Stadium, vor allem durch Zuwendungsausfälle, gefährdet, bleiben Angst, Unsicherheit und Identitätsschwäche zurück, die mit Hilfe aggressiver. Impulse überspielt und abgewehrt werden. Die Herleitung solcher Abwehrmechanismen aus den Anfängen der Selbst- und Ich-Bildung könnte verständlich machen, weshalb gerade bei Menschen, die in ihrem Persönlichkeitsbild oft eher weich, passiv, ängstlich und unsicher erscheinen, die Beherrschung und Unterdrückung anderer zum zentralen Phantasiethema werden.

Vieles ist hier noch ungeklärt und bedarf der weiteren wissenschaftlichen Diskussion, so etwa die Frage, weshalb bei so großer Verbreitung sadistischer Tendenzen nur von wenigen Menschen der Schritt zur Gewalttat vollzogen wird. In der Kriminologie wird gelegentlich vermutet, daß von der sexuellen Fehlentwicklung unabhängige, lebensgeschichtlich noch früher liegende Beeinträchtigungen der Beziehungsfähigkeit hierfür verantwortlich zu machen sind. Auch die Biographien lassen die frühen Störungen, die ja nicht eigentlich dokumentierbar sind, nur sehr indirekt erschließen. Eindrucksvoll deutlich wird aber jedenfalls, in welchem Ausmaß die Täter selbst Geschädigte sind, die einen oft dramatischen Kampf gegen sich führen.

Auch der Strafjustiz wird das Schuldurteil schwergemacht. Zwar bietet das heutige Strafrecht differenziertere Möglichkeiten, neurotische und sexuelle Fehlentwicklungen bei der Beurteilung der Schuldfähigkeit zu berücksichtigen; zwischen psychodynamischer Betrachtungsweise und Schuldstrafrecht klafft jedoch ein Abgrund, der von den beiden Verfassern, wohl im Interesse vermehrter psychoanalytischer Begutachtungen in Strafprozessen, vielleicht etwas zu sehr bagatellisiert wird. Auch der moralisierenden Motivbewertung, wie sie das Strafrecht gerade bei Tötungsverbrechen den Gerichten abverlangt – Mord ist unter anderem die Tötung „aus niedrigen Beweggründen“ –, wird letztlich die psychologische Grundlage entzogen: Ist schon eine Ermittlung von Motiven kaum möglich bei Taten, die durch Triebe, Affekte und neurotische Impulse ausgelöst werden, um wieviel weniger ihre sittliche Beurteilung.

Beklemmend ist am Schluß die Aufdeckung des „therapeutischen Dilemmas“. So lassen sich nach all der differenzierten Analyse die spärlichen medikamentösen, operativen und psychotherapeutischen Möglichkeiten auf wenigen Seiten aufzählen. Die Einrichtung sozial-therapeutischer Anstalten, die jedenfalls die institutionellen Voraussetzungen einer Behandlung solcher Täter bieten würden, ist. weiter verzögert worden, eine Lösung der Probleme daher kaum in Sicht.

Im Vergleich zu den holländischen Verhältnissen ist die Bundesrepublik immer noch ein kriminalpolitisches Entwicklungsland. So wird es denn nicht leicht sein, aus den Einsichten jener humanen, unrepressiven Kriminalpsychiatrie, die sich in diesem Buch artikuliert, die notwendigen praktischen Konsequenzen zu ziehen.