Von Ulrich Völklein

Terezin, im November

Der ehemaligen Hauptsturmführer der Waffen-SS Kurt Waller bestellt sein drittes Glas Pilsener, dazu Szegediner Gulasch mit einer Extraportion böhmischer Knödel, und lehnt sich in wohliger Erwartung zurück. Mit ihm am Tisch des Park-Hotel von Terezin (Theresienstadt) sitzen zwei frühere Untersturmführer der Waffen-SS und der gewesene Inspektionskommandeur der Waffen-SS-Junkerschule Leitmeritz (Litomerice), Hauptsturmführer Werner Kalleis. Die Herren kennen sich aus im Park-Hotel. Vor gut 33 Jahren haben sie am gleichen Tisch gesessen: gleich links neben der Tür, direkt am Fenster, mit Blick auf die verstaubten Büsche des Rondeels. Damals war das Hotel das Offizierskasino der SS-Wachmannschaften des Gettos und Konzentrationslagers Theresienstadt.

Die vier Endfünfziger sind zurückgekehrt – nicht als Büßer, sondern als die Organisatoren eines Betriebsausfluges: "Wir schauen uns um, ob noch alles beim alten ist, und machen Quartier." Quartier für wen? "Für einen Bus alter Kameraden, die sich Theresienstadt und Leitmeritz noch einmal im Frieden ansehen wollen.

Nostalgie-Reise der neuen Art. In Usti, Most, Chomutov, Karlovy Vary und Cheb sind sie schon gewesen: Stationen ihres Rückzuges bis in den Juni 1945 hinein; damals hießen diese Orte ich Aussig, Brüx, Komotau, Karlsbad und Eger. Wochen noch nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches schossen sie sich damals in geschlossenen Verbänden aus der Tschechoslowakei heraus. Der Krieg war in ihren Augen noch nicht zu Ende: "Selbst, als wir in der Heimat angekommen waren, haben wir geglaubt, daß es noch weitergehen wird."

Das Essen schmeckt ihnen im Park-Hotel. Und die Preise seien so unglaublich niedrig wie damals schon: "Umgerechnet natürlich in Getto-Kronen", die Scheinwährung des KZs. Das Gulasch kostet heute acht Kronen, einssechzig also nach offiziellem Kurs. Die vierte Runde Bier wird bestellt. Es soll die letzte sein. Das Draußen lockt zum Wiedersehen, die barocke Stadtanlage hinter den überwucherten Festungswällen. Das warme Spätherbstwetter lädt ein zum Verdauungsspaziergang in die Erinnerung.

Zwischen dem Städtchen, der Durchgangsstation in den Tod für 160 848 deportierte Juden aus ganz Europa und politisch Verfolgte, und der "Kleinen Festung", dem eigentlichen Konzentrationslager, ist noch heute ein Panzergraben zu erkennen, den die Häftlinge ausgehoben haben; 621 von ihnen haben das nicht überlebt. Die Buchhalter des Todes vergaßen nicht einen zu notieren. Die Häftlinge brachen über ihren Schaufeln vor Entkräftung zusammen oder wurden erschossen, weil sie, verzweifelt genug und den eigenen Tod in jedem Fall vor Augen, die Flucht gewagt haben. Oben, auf dem frisch aufgeworfenen Rand des Grabens, schoben die Schüler der Leitmeritzer Waffen-SS-Junkerschule Wache. Jung, lässig und mitleidslos. "Wir wußten", sagt der Hauptsturmführer, "daß der Graben angelegt werden mußte. Hätten dies die Häftlinge nicht getan, wäre das Fehlen des Grabens vielleicht tödlich für unsere eigenen Leute geworden." Und die Toten? "Ach Gott, ich habe gute Freunde neben mir verrecken sehen, warum sollte mir da ein toter Jude mehr bedeuten als mein deutscher Kamerad?"