So kühn hat nie wieder ein Schriftsteller ein Buch eröffnet wie der im englischen Exil lebende, zweiundfünfzigjährige Uhrmachersohn aus Genf Jean-Jacques Rousseau 1764 seine Lebensbeichte: „Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist und das niemand nachahmen wird. Ich will meinesgleichen einen Menschen in der ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich sein. Ich allein.“

Größenwahn? Trost eines unter Verfolgungswahn leidenden Heimatlosen? Selbststilisierung eines schriftstellernden Philosophen und Komponisten, Pädagogen und Botanikers, Psychologen und Gesellschaftskritikers, der eine europäische Berühmtheit war und sich doch bis zu seinem Tod am 2. Juli 1778 als „Notenkopist“ mit dem Abschreiben von Partituren sein Brot verdienen mußte? Als er im Winter 1770/71 vor geladenen Gästen im Salon der Gräfin D’Egmont zum erstenmal aus dem Manuskript dieser schonungslosen Selbstenthüllung vorliest, verbergen die Damen das Gesicht hinter dem Fächer, laufen die Köpfe der Herren unter den Puderperücken rot an, erscheint die Polizei und verbietet die Vorlesung.

Und so bis heute: Selbst in Frankreich gibt es erst seit kurzem die vollständige, nichts unterschlagende Ausgabe einer Lebensgeschichte, die sich der Autor als „ein in seiner beispiellosen Aufrichtigkeit einzigartiges Werk“ wünscht: „Damit man wenigstens einmal einen Menschen so sehen könne, wie er wirklich in seinem Innern ist. Ich fühlte, daß es kein menschliches Inneres gibt, das – so rein es auch sein möge – nicht irgendein widerwärtiges Laster birgt.“ Noch Rousseaus jüngstem deutschen Biographen, Seeberger, sträuben sich bei der Lektüre des Originals im Gedenkjahr die Haare; zwar kann er die wahrheitsliebende Selbsterforschung dieses Mannes mit Bekennermut nicht mehr abwürgen, aber doch rügen – etwa die von Jean-Jacques freimütig zugegebene Praxis der Selbstbefriedigung als „sehr üble sexuelle Gewohnheit“.

Gehört solch ein Werk, dessen Wert für die Seelenforschung unbestritten ist, in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher der Weltliteratur? Rousseau hat mit den beiden Teilen seiner Autobiographie, von der Geburt am 28. Juni 1712 bis zum Jahr 1765, eines der großen Lese- und Lehrbücher der europäischen Literatur geschrieben. Als das von dem hypochondrischen Einzelgänger geplante „nützliche und einzigartige Werk“, als „Maß und Muster für die vergleichende Erforschung der Menschen haben sich „Die Bekenntnisse“ längst bewährt, gerade weil Psychologie und Psychoanalyse diesem Text immer neue Erkenntnisse ablesen. Als wunderlich wildes Erzählbuch wird die von Einfall zu Erinnerung hüpfende, sich in Abschweifungen verirrende, in Landschaftsbildern und Naturbeschreibungen beruhigende Geschichte eines Lebens erst geschätzt, seitdem moderne Prosa ähnlich frei von Assoziationen zu Traumbildern schweifen gelernt hat. Dieser lebenslang Unglückliche mit dem lebenslang bewahrten Traum vom Glück, der unter beidem leidet, unter seinem „feurigen Temperament“ und unter seinen „nur langsam entstehenden unklaren Gedanken“, und der von sich sagt, „mein Herz und mein Verstand gehörten nicht zu ein und demselben Menschen“, schafft sich in den zwölf Büchern seiner Autobiographie den literarischen Ausdruck, der solcher Zerrissenheit und einem Lebenslauf als (nicht nur seelischer) Berg- und Tal-Bahn entspricht. Die früher getadelte Uneinheitlichkeit macht den Reiz dieser Lebenserzählung aus. „Unregelmäßig und natürlich, mal lebhaft und mal umständlich, mal gelassen und mal verrückt“ – wie er lebt, so schreibt er.

Der erste Teil ist ein Abenteuerbuch: Jean-Jacques Rousseaus Lehr- und Wanderjahre bis zur Ankunft 1741 in Paris. Danach beruhigt sich die „Handlung“ in den Berichten vom freundschaftlichen Disput mit den Enzyklopädisten, vom gesellschaftlichen Leben im Paris vor der Revolution. In beiden Teilen aber für die damalige Zeit unerwartete psychologische Einsichten, ob Rousseau von den Lustgefühlen schreibt, die das Kind bei Züchtigungen empfand, von der nie vergessenen Verwundung durch die erste ungerechte Strafe oder von den zwischen Anbetung und Flucht ständig schwankenden Liebesbeziehungen. In den Widersprüchen seines Lebens, zu denen er sich bekennt, ist dieser „Zerrissene“ aus der Epoche des Rokoko unser Zeitgenosse. Seine „Bekenntnisse“ lesend, kann man lernen: den geduldigen Blick in Welt und Ich, der die komplexe Wirklichkeit wahrnimmt, nach Rousseaus Wort: „Ich bin ein Prinz, aber auch ein Schuft.“

Rolf Michaelis

Jean-Jacques Rousseau: „Die Bekenntnisse / Die Träumereien des einsamen Spaziergängers“, mit einer Einführung von Jean Starobinski, einem Nachwort und Anmerkungen von Christoph Kunze, mit Kupferstichen von Moreau le Jeune, aus dem Französischen von Alfred Semerau und Dietrich Leube; Winkler Verlag, München, 1978; 936 S., 68,– DM.