Die Irrwege des Christus-Romans „Dositos“ – Eine Werkausgabe Waldemar Bonsels Von Werner A. Fischer

Zum 100. Geburtstag von Waldemar Bonsels, der am 21. Februar 1880 in Ahrensburg bei Hamburg geboren wurde, bereitet der Verlag Fritz Molden eine Gesamtausgabe vor. Als Taschenbuch ist jetzt der Christusroman „Der Grieche Dositos“ erschienen, der aus dem dichterischen Werk des fleißigen „Biene-Maja“-Autors vor allem wegen seiner merkwürdigen, kaum bekannten Vorgeschichte Beachtung verdient.

Über den am 31. Juli 1952 im bayerischen Ambach gestorbenen Dichter gibt es kaum biographisches Material. In einem Antiquariat kann man gelegentlich „Waldemar Bonsels, ein deutscher Dichter“ von Reinhold Bulgrin (1941) entdecken; in der Universitätsbibliothek Bonn die 1953 von einem Fräulein Reisdorff abgelieferte Dissertation „Mythos und Märchen im Werk Waldemar Bonsels’“; mehr läßt sich nicht auftreiben. Der von neueren Biographen stiefmütterlich behandelte Autor ist in einschlägigen Nachschlagewerken zwar vertreten, teils mit dürftigen, teils mit falschen Angaben, fehlt aber in den meisten literarhistorischen Abhandlungen zur Gegenwart. Hans Brandenburgs Bekenntnisbuch; „München leuchtete“ bildet eine bescheidene Ausnahme; nicht ohne Grund. Bonsels gründete Anfang dieses Jahrhunderts in Schwabing einen Verlag, um Brandenburgs erstes Buch herauszubringen. Der einst umworbene neuromantische Erfolgsautor ist längst in Vergessenheit geraten. Darüber täuscht auch die nach seinem Longseller „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“ gestaltete Comic-Serie für das Fernsehen nicht hinweg. Ein Kinderbuch allein rechtfertigt noch kein Dichterdenkmal.

An Wiedererweckungsversuchen hat es nicht gefehlt. So verkündete die Deutsche Verlags-Anstalt vor einigen Jahren in ihrem Bonsels-Spezialprospekt, der neben der „Biene Maja“ auch „Himmelsvolk“, „Tage der Kindheit“ und die „Indienfahrt“ als lieferbare Titel anpries, sie bereite die „Neuausgabe weiterer Werke von Waldemar Bonsels Zug um Zug vor“. Zug um Zug? Man weiß nur, daß der Zug inzwischen abgefahren ist – in Richtung Molden, auf daß ein nächster Wiedererweckungsversuch unternommen werde. Erste Beweise dafür liegen schon vor: die „Biene Maja“, „Himmelsvolk“, „Indienfahrt“, „Mortimer“, der einzige Kriminalroman von Bonsels, und das Kinderbuch „Mario und die Tiere“. Bis zum 100. Geburtstag soll das Gesamtwerk greifbar sein.

Bonsels gehört zu den deutschen Schriftstellern, die ihre Erfolge in der Kaiserzeit erlebten und von da an nur noch ein allmähliches Sinken der Auflagezahlen beobachten konnten. Als die Nazis ihre Herrschaft auch auf die Literaturproduktion erstreckten, verbannte Goebbels zwar das eine oder andere Buch der bis dahin Umworbenen, lieferte vielen von ihnen aber keinen Grund, ins Exil zu gehen. Die meisten der daheimgebliebenen Altautoren wurden in die „Reichsschrifttumskammer“ aufgenommen und schrieben weiter. So auch Bonsels, dessen „Maja“- und „Indienfahrt“-Ruhm aus der wilhelminischen Epoche stammte. Er war den neuen Machthabern nicht verdächtig, allerdings empfanden sie auch keine besondere Vorliebe für ihn und seine Vergöttlichung der Tiere und Vagabunden. Was mit solchen weder für positive noch für negative Propagandazwecke nutzbaren Autoren am besten zu geschehen habe, demonstrierte Paul Fechter in seiner „Geschichte der deutschen Literatur“ von 1941: Während er Brecht und Heinrich Mann wenigstens noch hämische „Nachrufe“ widmete, vergaß er Bonsels ganz.

Der literarisch und politisch eher einsiedlerische Bonsels machte „als gelernter Kaufmann, der zu rechnen verstand und von seinem früheren Ansichtskartenvertrieb her die Formen buchhändlerischen Verkehrs beherrschte“ (Hans Brandenburg), immer noch Geschäfte mit eingeführten Werken und neueren Arbeiten. „Krampfhaft ehrgeizig“ (Hans Brandenburg), wie er war, reichte ihm das aber wohl nicht aus. Er wollte endlich jenes Buch herausbringen, das er in der Hoffnung verfaßt hatte, die längst begonnene Talfahrt des Erfolgs ins Gegenteil zu verkehren: seinen „Dositos“, einen, wie er selbst erläuterte, „Roman um die Erfahrungen und um das Schicksal des Griechen Dositos zur Zeit Christi in Jerusalem“.

„Dositos“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein Schriftsteller zwischen den Mühlsteinen politischer, verlegerischer und eigener Interessen zerrieben werden kann, wenn ihm stark ausgeprägtes Sendungsbewußtsein verbietet, den Mund zu halten, so ihn keiner hören will. Ausgerechnet zur Endzeit des NS-Regimes ergriff Bonsels, der „kindliche Pantheist“ (Hans Mayer), Partei für die Antisemiten. Der verspätete Rufer in der Wüste machte auf die Nazis wenig Eindruck, manövrierte sich selber jedoch mit „Dositos“ auf Jahre hinaus; ins Abseits. Eine Münchner Zeitung nannte das Buch 1951 „eine gewaltige Schöpfung“ und verstieg sich – in Anlehnung an die fatale Eigenwerbung in Bonsels’ Büchern – zu dem Schwulst: „Hinter den Geschehnissen zittert das Mysterium des Gekreuzigten. Der Hauch des Göttlichen aus dem ewigen All weht herein in die unstillbare Sehnsucht des Menschenherzens.“