Der Reporter als Romancier

Von Rudolf Walter Leonhardt

Den Nobelpreis wird er wohl nicht mehr bekommen. Die Schwedische Akademie müßte sich selber in Frage stellen, wenn sie an einem so überwältigenden Opus zwei Jahrzehnte lang vorbeigegangen wäre, ohne Gründe für dessen Nicht-Preiswürdigkeit nennen zu können.

Auskünfte darüber sind aus Stockholm freilich nicht zu kriegen. So bleibt der verwunderte Literaturfreund auf Mutmaßungen angewiesen: Ist Graham Greene nicht "idealistisch" genug (dieses Kriterium kommt ja in Nobels Testament vor)?, nicht moralisch genug (zuviel Whisky und zuviel Sex)?, den Kommunisten zu liberal, den Liberalen zu sehr "Sympathisant"?, den Katholiken zu ketzerisch, den Atheisten zu katholisch?, den intellektuellen Kritikern zu unterhaltend?, den Farbigen zu sehr weißer Mann, den Weißen zu sehr Chamäleon?

Gleichviel: Graham Greene hat zwar Millionen von Lesern und Bewunderern in aller Welt, aber er hat keine Lobby einflußreicher Freunde. Er ist ein Einzelgänger, ganz Engländer, aber doch seit vielen Jahren in der Provence wohnend, wenn er nicht gerade wieder auf einer seiner vielen Reisen ist, die ihn inzwischen ein paarmal rund um die Erde geführt haben. Er bringt seine Verleger zur Verzweiflung dadurch, daß er für PR (public relations) nicht zu gewinnen ist. Viel konsequenter als die meisten seiner Kollegen, die derlei in der Theorie und in ihren Büchern auch ablehnen, verschmäht er Cocktail-Parties und ist zu Fernsehauftritten nicht zu bewegen. Auf "Lesewalze" von Buchhandlung zu Bildungszentrum, von Akademie zu Auditorium maximum ziehend, kann man sich ihn nicht vorstellen. Er liebt die Masse Mensch wenig, und auch einzelnen begegnet er eher mit Mißtrauen. Ich habe ein paar Tage meines jüngeren Lebens mit ihm verbracht, und wir waren recht gut miteinander ausgekommen, wie die meisten seiner Romanfiguren irgendwo abends allein beim Whisky, obwohl ich seine Wahl des Hotels idiotisch fand und er meine Beschreibung des Unterschiedes zwischen Ostberlin und Westberlin ganz dumm. Er hat dann auch den großen Berlin-Roman, den er einmal fast geplant hatte, nicht geschrieben. Das überließ er seinem jungen Nachfahren John Le Carré ("Der Spion, der aus der Kälte kam"). Und wenn er selber nun eine Geheimdienstgeschichte schreibt –

Graham Greene: "Der menschliche Faktor", Roman, aus dem Englischen von Luise Wasserthal-Zuccari und Hans W. Polak; Paul Zsolnay Verlag, Wien, 1978; 360 S., 28,– DM

dann drängt er einem den Vergleich mit John Le Carré förmlich auf.