Von Julius H. Schoeps

In ihrem Buch "Eichmann in Jerusalem" erklärte Hannah Arendt, die europäischen Juden hätten sich der Mithilfe an der eigenen Vernichtung schuldig gemacht. Wenn die jüdischen Gemeindeführer, die Leiter der internationalen Partei- und Wohlfahrtsorganisationen sich geweigert hätten, mit den NS-Behörden zusammenzuarbeiten, dann wäre es nach Ansicht Hannah Arendts zwar zu einem Chaos und sehr viel Elend unter der jüdischen Bevölkerung gekommen, die Gesamtzahl der Opfer aber hätte kaum zwischen viereinhalb und sechs Millionen gelegen. Der Vorwurf, es habe eine nachweisbare Kooperation der Juden mit den Nazis gegeben, sorgte seinerzeit für einige Aufregung. Mehr oder weniger direkt hatte Hannah Arendt die Judenräte beschuldigt, bei der Planung und Durchführung der "Endlösung" mitgewirkt zu haben. Gegen diese aufsehenerregende These hagelte es heftige Proteste. Wiederholt wurde auf die Haltlosigkeit der Vorwürfe hingewiesen. Eine Einigung in dieser umstrittenen Frage ist bis heute noch nicht erreicht worden. Vielleicht wird die Debatte um die historische Einschätzung der Judenräte wenn schon nicht beendet, so doch wenigstens versachlicht durch, das in den Vereinigten Staaten vieldiskutierte Buch von.

Isaiah Trunk: "Judenrat. The Jewish Councils in Eastern Europe under Nazi Occupation", Stein and Da; Publishers, New York, 664 Seiten, 8,95

In seinem mit dem "National Book Award" ausgezeichneten Buch behandelt Trunk ausführlich die Geschichte der Judenräte, deren Einrichtung als jüdische "Selbstverwaltungsorgane" durch die NS-Behörden verfügt worden war. Ab Kriegsausbruch 1939 kam es zur Einrichtung kommunaler, regionaler, manchmal auch nationaler Judenräte wie in Deutschland ("Reichsvereinigung der Juden in Deutschland") oder – später – in Holland ("Joodse Raad"). Es war ein doppelter Zweck, den man in der höchsten NS-Führung mit der Einsetzung der Judenräte verfolgte. Einmal glaubte man, die Weltöffentlichkeit könnte durch die Existenz von Judenräten beschwichtigt werden, gleichzeitig wollte man sich aber mit diesen ein Instrument schaffen, um antijüdische Maßnahmen in Zukunft leichter durchzusetzen.

Als deutsche Truppen in Polen eingefallen waren und das Land besetzt hatten, fiel sehr bald die Entscheidung, jüdische "Selbstverwaltungsorgane" in den jüdischen Zentren des Landes einzusetzen. Nach einer Besprechung mit Hitler, an der auch Himmler und der Danziger Gauleiter Albert Forster teilgenommen hatten, schickte Heydrich am 21. September 1939 einen "Schnellbrief" an die Chefs aller Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, in dem angeordnet wurde: "In Jeder jüdischen Gemeinde ist ein jüdischer Ältestenrat aufzustellen, der, soweit möglich, aus den zurückgebliebenen maßgebenden Persönlichkeiten und Rabbinern zu bilden ist. Dem Ältestenrat haben bis zu 24 männliche Juden (je nach Größe der jüdischen Gemeinde) anzugehören. Er ist in dem Sinne des Wortes vollverantwortlich zu machen für die exakte und termingemäße Durchführung aller ergangenen oder zu ergehenden Weisungen."

Im besetzten Polen wurden überall Ältestenräte oder Judenräte eingesetzt. Nach den Weisungen Heydrichs. waren sie zuerst nur verantwortlich für den Transport von Juden in einige dafür vorgesehene, "Konzentrierungsstädte", die bald auch als Gettos bezeichnet wurden. Im Laufe der Zeit erweiterte sich der Aufgabenbereich der Judenräte erheblich. In den Gettos bekamen sie die Verantwortung für nahezu alles übertragen, was in deren Mauern von Wichtigkeit war. Im jüdischen Sektor entwickelten sie sich bald zu einer nicht mehr verzichtbaren Einrichtung. Sie kontrollierten die Gettopolizei, die Feuerwehr, die Rechtssprechung, sie waren zuständig für die Arbeitsvermittlung, die Lebensmittelbeschaffung, die Wohnraumverteilung, sowie für die Bereiche Gesundheit, Erziehung und Kultur. In der Regel wurde ein, größerer Mitarbeiterstab beschäftigt als eigentlich notwendig war, um wenigstens einzelne Juden vor dem Transport in die Arbeitscamps oder Todeslager zu bewahren.

Strittig in der Debatte um die Judenräte sind nicht die von diesen übernommenen allgemeinen Verwaltungsaufgaben. Trunk vertritt. zu Recht die Ansicht, sie hätten diese, Verantwortung übernehmen müssen, sonst hätte bald ein gesetzloses Chaos geherrscht. Strittig ist nur die Rolle der Judenräte bei den Deportationen. In ihrem Eichmann-Buch schrieb Hannah Arendt: "In Amsterdam wie in Warschau, in Berlin wie in Budapest konnten sich die Nazis darauf verlassen, daß jüdische Funktionäre Personal- und Vermögenslisten ausfertigen, die Kosten für Deportation und Vernichtung bei den zu Deportierenden aufbringen, frei gewordene Wohnungen im Auge behalten und Polizeikräfte zur Verfügung stellen würden, um die Juden ergreifen und auf die Züge bringen zu helfen – bis zum bitteren Ende, der Übergabe des jüdischen Gemeindebesitzes zwecks ordnungsgemäßer Konfiskation. Hannah Arendt meinte, die Judenräte hätten die Zusammenarbeit mit den NS-Behörden verweigern müssen. So aber hätten sie sich schuldig gemacht durch die Aufgaben, die sie, übernahmen.