Hilflose Helfer Heillose Opfer – Seite 1

Von Ernst Klee

Fünf Bücher, die helfen wollen: Es geht um Alte und Sterbende, um Selbstmordgefährdete und sexuell Frustrierte, um Behinderte. Auch die amtlich bestallten Helfer- und Pflege-Profis werden unter die analytische Lupe genommen, da sie oft, unter dem Vorwand, helfen zu wollen, ihre eigenen Komplexe abzubauen suchen.

Ein Buch, teilweise in kaum verständlichem Wissenschaftskauderwelsch geschrieben, eröffnet einen Einblick in Leben und Sterben von Altenheimbewohnern, der schauerlicher nicht sein könnte –

Franco Rest: "Praktische Orthothanasie (Sterbebeistand) im Arbeitsfeld sozialer Praxis – I. Teil: "Entwicklung von Verhaltensmerkmalen für den Umgang mit Sterbenden auf der Grundlage partizipierender Feldforschung in Einrichtungen der Altenhilfe"; Westdeutscher Verlag, Opladen, 1977; 281 S., 42,– DM.

Franco Rest, Erziehungswissenschaftler und Theologe an der Fachhochschule Dortmund, untersuchte mit Mitarbeitern zwei typische Dortmunder Altenpflegeheime, wobei die Studenten als Praktikanten mitarbeiteten. Sie bringen Kenntnisse aus der Praxis ein, wie sie sonst nicht zugänglich sind. Das Buch wendet sich so auch an die Pflegekräfte in den "Alteneinrichtungen". Ein frommer Wunsch des Theologen, denn seine (abstrakte) Sprache muß dem Pflegepersonal unverständlich sein.

Nach dieser Kritik zu den Tatsachen, die dieses Buch zu einem der wichtigsten zum Thema "Altenheim" machen. Franco Rest beschreibt, wie vor dem klinischen längst der soziale Tod eingetreten ist. Die Bewohner sind lebende Leichname, einer lebens- und menschenfeindlichen Pflege-Gewalt unterworfen: "Je aktiver der Patient, desto schwerer ist er zu managen." Beispiel: Eine Frau möchte auf die Toilette. Sie darf nicht. Sie muß auf den Topf. Man schiebt ihr einen schon benutzten und beschmutzten Nachttopf unter. Schwesternzitat: "Scheißen und noch schreien, das gibt es nicht!" Die Patientin hatte das Bett beschmiert und war daraufhin malträtiert worden: "Rumdrehen, Beine auseinander!"

Oberste Pflegeprinzipien sind Regungslosigkeit, Störungsfreiheit, Zügigkeit. Sie sind auf die Institutionen bezogen, auf die Pflegefabrik, die zwangsläufig betagtes Leben auslöscht. So werden wie am Fließband drei Patienten gleichzeitig (!) abgefüttert. Befehl an die drei: Herunterschlucken!" Beim Stuhlgang wird zur Schnelligkeit ermahnt. Es ist nackte Gewalt: So werden Patienten öffentlich der Nacktheit ausgesetzt, indem man sie entblößt liegen läßt und draußen etwas "Wichtigeres" erledigt. Je schneller abgefüttert, gewaschen, gestorben wird, desto besser. Ein Rekordsterben der Unmenschlichkeit, der organisierten Gewalt: "Los, komm, leg dich hin! Ist schließlich besser, wenn du im Bett stirbst; gehört sich doch so."

Hilflose Helfer Heillose Opfer – Seite 2

An die Politiker gerichtet schreibt Rest: "Wenn die Fürsorge des Staates ausschließlich dem Produktionsprozeß und nicht dem Menschen dient, wächst die Angst und mit ihr die Illoyalität; institutionelle Alten- und Krankenhilfe wirkt in die Gesellschaft zurück. Der Staat muß im Interesse der Loyalitätssicherung des Volkes sein administratives Handeln an den Bedürfnissen des Volkes orientieren." Grausiges Beispiel, in welcher Verzweiflung Altenheimbewohner leben können: Ein alter Mann, im Rollstuhl, will sich umbringen: Er öffnet den Mund und will sich in eine Gabel fallen lassen.

Alte werden zu Babys: "Mütterken, du brauchst doch nicht so lange auf’m Pott zu sitzen; mach doch in die Windeln! Die Babys machen doch auch in die Windeln." Die Sprache gleicht der Praxis. Aus Ungeschicklichkeit läßt eine Schwester den Kopf der Patientin auf die Bettkante fallen: "Haben wir uns den Kopf gestoßen Sie machen aber auch Sachen!" Oder: "Die Oma braucht die Zähne nicht, die kann ja doch kaum den Mund aufmachen." Die tägliche Spritze heißt "Frühstück". Eine Ärztin, im Beisein der Patientin: "Die liegt ja im Koma; so schön erkennt man die Symptome meist nur im Lehrbuch."

Nicht alle Schwestern und Pfleger üben Schreckensherrschaft im Namen der Organisation aus. Franco Rest gibt dem Personal auch nicht die Schuld. Die Pfleger sind ungenügend oder gar nicht ausgebildet, sind selber der Fabrik "Menschenpflege" unterworfen. Franco Rest sollte seinen Forschungsbericht für das Land Nordrhein-Westfalen noch einmal in allgemein verständlicher Sprache schreiben: daß ihn Pflegeschüler, Schwestern, Politiker, auch Schulkinder leben könnten. Er hat sein Thema Sterbebeistand, das er "Orthothanasie" nennen muß, nicht vom Schreibtisch aus abgehandelt, sondern ist in die Praxis gegangen. Das macht seinen Forschungsbericht wichtig.

Walter Thimm, Professor für Soziologie der Behinderten an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, ist ein gutes Beispiel dafür, daß auch ein Soziologieprofessor einfach schreiben kann –

Walter Thimm: Mit Behinderten leben – Hilfe durch Kommunikation und Partnerschaft"; Herderbücherei 604, Herder Verlag, Freiburg, 1977; 128 S., 5,90 DM.

Thimm bemüht sich, Vorurteile abzubauen, den Leser teilnehmen zu lassen am Lernen, wie Behinderten zu helfen ist. Inzwischen hat sich herausgestellt, daß sein Herderbändchen von zahlreichen Pädagogikstudenten gekauft wird, die sich nicht durch die Abstraktion wissenschaftlicher Abhandlungen durchbeißen, sondern schlicht informiert werden wollen. Thimm hat sich der Arbeit des einfachen (nicht vereinfachenden) Schreibens unterzogen, weil jährlich 80 000 Kinder (oder zehn Prozent eines Geburtsjahrganges) als körperlich, geistig oder seelisch behindert geboren werden.

Thimm berichtet von der Schulsituation behinderter Kinder, daß die körper- oder sinnesbehinderten Kinder (sehschwach, blind, schwerhörig) überproportional aus der Unterschicht kommen. Behinderte Kinder werden zumeist in Altbauten untergebracht, in denen die hygienischen Probleme oft unüberwindlich sind. In Sonderschulen werden diese Kinder wirklich "abgesondert", was weder sinnvoll noch notwendig ist. Thimm schildert die Not der Eltern, denen Ärzte, Kliniken, Gesundheitsämter, Sozialbehörden wie Feinde entgegentreten, oder zumindest als Unwissende. So resignieren sie, wo Hilfe möglich wäre. Thimm berichtet von N., einem gigantischen Rehabilitationsgetto für tausend behinderte Kinder und Jugendliche das als Modell gefeiert wird, in Wirklichkeit aber Behinderte sozial erst richtig behindert, well Isoliert (es han- delt sich um Neckargemünd). Und dort hat der Soziologieprofessor denn auch ein Seminar abgehalten, den Umgang mit Behinderten zu lernen.

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Eine Behinderte aus der Schweiz hat ein Buch geschrieben, das gar nicht den Anspruch erhebt, helfen zu wollen, aber eine große Hilfe ist,–

Ursula Eggli: "Herz im Korsett– Tagebuch einer Behinderten"; Zytglogge Verlag, Bern, 1977; 210 S., 21,– DM/Fr.

Der Titel ist schwülstig, nicht der Inhalt. Ursula Eggli hat ein unsentimentales Tagebuch ("Hinkebeintreffen") geschrieben, witzig, sarkastisch, lehrreich. Da fleht keine "Krüppelseele" um Mitleid, obgleich die Autorin schwerbehindert ist. Es ist Lebenslust, gebrochen durch wehmütiges Besinnen auf das, was einem "Krüppel" vorenthalten bleibt (wie die Sexualität). Bissig, ehrlich, manchmal böse, rechnet Ursula Eggli mit Paolo ab, einem Studenten, dem sie wohl Unrecht tut (aber das ist ihr Recht). Denn sie kennt sich: "Ich bin eine Kuh, melodramatisch, giftig. Schreibe blöde Briefe, zu gefühlsbetont, zu impulsiv, verkenne die Situation und anderes mehr."

Ursula Eggli schildert die Groteske um ihren Arzt, berichtet amüsant und amüsiert über die Leute um sich, über forschungsbeflissene Studenten, die sich "medizinisch" einem Behinderten nahen und über die Stadtpolizei, die in der Wohngemeinschaft eine kommunistische Zelle vermutet. Ursula Eggli, ein Muskelschwundchen", ein "geschlechtsloses Wesen von der Sorte ‚Kamerad‘", hat ein herzhaft boshaftes Tagebuch geschrieben, das jedem empfohlen sei, der wissen möchte, wie ein Behinderter sich und seine Umwelt sieht, erlebt, erleidet – und ein Stückchen bewältigt.

Einen anderen Personenkreis, die Lebensmüden, familiär und sexuell Frustrierten, will ein Mediziner und Seelsorger erreichen –

Klaus Thomas: "Warum weiter leben? Ein Arzt und Seelsorger über Selbstmord und seine Verhütung"; Herderbücherei 610, Herder Verlag, Freiburrg, 1977; 144 S., 5,90 DM.

Das Thema ist noch wichtiger geworden, seit bekannt ist, daß sich heute mehr Menschen umbringen als jemals seit .Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Dabei sind Selbstmordgefährdete in Wahrheit Menschen, die sich nicht umbringen wollen. Sie wollen leben, können es aber, mit ihren Schwierigkeiten, nicht mehr. Mehr als die Hälfte finden keine Erfüllung in Liebe, Ehe, Sexualität. "Selbstmord ist die einzige vernichtende Handlung, bei der Täter und Opfer dieselbe Person sind."

Hilflose Helfer Heillose Opfer – Seite 4

Thomas vergoldet die Zustände in Nervenkliniken, wie sie in der "Psychiatrie-Enquete" beschrieben sind, weil er den Betroffenen keine Angst machen will. Er nennt Homosexuelle "Perverse" und argumentiert an einer Stelle seines Buches sehr eng: "Erst wenn an die Stelle des verzweifelten ‚Warum‘ der Glaube tritt, daß auch die schweren und unverständlichen Wege Gottes einen Sinn haben können, dann wird die vergebliche Abwehr gegen das Schicksal durch die Bereitschaft ersetzt, das unabwendbare Los anzunehmen." Das hieße, in die Praxis der Selbstmordgefährdetenhilfe umgesetzt, daß nur der Glaubende, der Christ, eine Chance zum überleben hätte. Wenn Thomas jedoch auf sexuelle und partnerschaftliche Probleme zu sprechen kommt, verfliegt theologische Enge und verwandelt sich in kirchenkritische Argumentation. Deshalb, trotz einiger Vorbehalte, kann der Band eine Hilfe sein.

Eine Abrechnung mit den professionellen Helfern legt der Therapeut Wolfgang Schmidbauer vor. Er nimmt sich, analytisch, die Motive der Helferberufe vor –

Wolfgang Schmidbauer: "Die hilflosen Helfer Über die seelische Problematik der helfenden Berufe"; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1977; 224 S., 19,80 DM.

Schmidbauer entmythologisiert den Edelmut der selbstlosen Helfer. Ärzte, sagt er, begehen fast dreimal so häufig wie der Durchschnittsmensch Selbstmord, haben mehr Eheprobleme, höhere Scheidungsquoten, werden häufiger in die Psychiatrie eingewiesen, saufen mehr, greifen eher zu Drogen und zu Mitteln, die chemisch das graue Seelenleben aufhellen. Ähnliche Symptome zeigen Krankenschwestern, Pfleger, Sozialarbeiter, Lehrer, Kindergärtnerinnen, Seelsorger, Psychologen, also alle, die sich beruflich um Hilflose bemühen. Schmidbauer nennt dies das "Helfer-Syndrom" (HS), das die Helfer-Profis sich auf Kosten der Hilfsbedürftigen aufbauen wollen: "Der HS-Helfer hilft anderen, um seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse nicht wahrzunehmen. Er bekämpft durch sein Verhalten seine Unfähigkeit, etwas für sich zu tun. Er füllt seine innere Leere aus, die durch die Angst vor spontanen Gefühlen entstanden ist und sich auf die unbewußte, archaische Wut aus dem Bereich des abgelehnten Kindes zurückführen läßt."

Schmidbauer sieht das HS-Syndrom in Enttäuschungen der Edelmütigen in frühester Kindheit, in der Ablehnung durch die Mutter. Der Helfer sei sein Leben lang auf der Suche nach der Anerkennung durch die Mutter. Also sucht sich der Helfer ein hilfloses Objekt. Also wird es ihm schwer, wenn sich sein Objekt freimacht, emanzipiert, selbständig wird, keine Hilfe mehr braucht. Also entmündigt der Helfer sein Objekt, indem er sich zur unersetzlichen Figur macht. Abhilfe: "Den ungünstigen Folgen versteckter narzißtischer Bedürftigkeit kann durch Selbst-Konfrontation des Helfen mit seinen narzißtischen Bedürfnissen begegnet werden."

Schmidbauers Buch kann den professionellen Helfern hilfreich sein, egoistische Motive ihres angeblich selbstlosen Handelns vor Augen zu führen. Doch blendet Schmidbauer gesellschaftspolitische Bedingungen der Sozialarbeit aus. Denn auch Helfer, die nicht aus narzißtischen oder egoistischen Trieben helfen, sind überfordert. Sie scheitern nicht nur an persönlichen Problemen, sondern an gesellschaftlichen Zuständen – daran, daß Hilflose und Aus-der-Norm-Fallende "ausgesondert", asyliert, abgeschrieben werden. Eine Schwäche der Psychoanalyse ist, daß sie gesellschaftliche Einflüsse zu wenig beachtet, Konflikte noch immer zu sehr an Papa und Mama bindet. Die Tatsache, daß "Nicht-Produktive" (Alte, Behinderte, psychisch Kranke) abgehalftert werden, kann nicht nur individualpsychologisch angegangen werden.

Schmidbauer entpolitisiert das Problem. Die Gefahr ist: Wenn jeder Helfer seinen Therapeuten bekommt, dem Therapeuten ein Therapeut beigesellt wird, führt dies zur permanenten Selbstspiegelung, die nicht weniger narzißtisch ist. Der Umgang zwischen Helfern und Hilflösen ist schon genug überfrachtet: Natürlichen Umgang gibt es kaum noch. Die Professionellen nahen sich ihren "Schützlingen" bereits anormal (therapeutisch), verbannen jede Natürlichkeit, sperren die Schutzbefohlenen in das Schongehege der "Befürsorgung", die den Partner nicht mehr akzeptiert.

Wo bleibt der unterste in dieser Kette: der Strafgefangene, Behinderte, Alte, Selbstmordgefährdete? Wie ändert die Therapie der Therapeuten gesellschaftliche Einstellungen? Das Motto: Jedem Therapeuten einen Therapeuten, erscheint als Helfer-Syndrom des Analytikers. Auch dieser braucht Hilflose, um sich aufzubauen. Treten alle zum psychoanalytischen Ringelreihen an, bleiben die Therapeuten unter sich und die Klienten auf der Tribüne.