Auch der Filmemacher Werner Herzog gehörte zu jener Gruppe von Regisseuren, Verleihern und Kinobesitzern, die sich am 25. April dieses Jahres vor einem Kino in München öffentlich anketten ließen, um dagegen zu protestieren, daß der 1977 in Cannes preisgekrönte italienische Film „Padre Padrone“ von Paolo und Vittorio Taviani in der Bundesrepublik nur im Fernsehen laufen sollte. Jetzt wird er, drei Tage vor seiner TV-Ausstrahlung (Sonntag, 26. Novemher, 21 Uhr in der ARD), nun doch im Kino gestartet: Ein Grund für Herzog, dessen Buch „Vom Gehen im Eis“ kürzlich im Hanser-Verlag erschienen ist, für die ZEIT ein leidenschaftliches Plädoyer zu schreiben, „Padre Padrone“ unbedingt im Kino anzuschauen. 1979 wird es übrigens gleich zwei neue Filme des Regisseurs von „Jeder für sich und Gott gegen alle“ und „Stroszek“ geben: „Nosferatu“ und „Woyzeck“’ beide mit Klaus. Kinski in der Titelrolle. HCB

*

Jetzt ist er also da, „Padre Padrone“ (Mein Vater, mein Herr), einer der ganz großen Filme der letzten Jahre, drei Tage nur vor seiner Fernsehausstrahlung, und das ist kein Erfolg, das ist eher zum Schämen. Die Vorgeschichte ist verworren, und kurz nur dies: Die Brüder Taviani produzierten den Film mit Geldern des italienischen Fernsehens, dann wurde Die Film 1977 auf den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt und erhielt sofort die Goldene Palme. Das war ein großer Moment, denn seit Jahren hatte es keinen Preisträger von diesem Kaliber mehr gegeben, großer Moment, man auch: Das ist ein Film, der Preisträger im Kino gesehen werden muß, und in allen Ländern mit nur einem bißchen Filmkultur wurde er auch gleich in die Kinos geholt. Nur bei uns in der Bundesrepublik waren Lizenzinhaber und Fernsehanstalt zu prestigesüchtig, zu schwerfällig und auf dem formell Juristischen beharrend, so daß der Film jetzt viel zu spät in den Kinos erscheint.

„Padre Padrone“ ist die Geschichte des 6jährigen Gavino, der nach nur drei Wochen Schule in einem sardischen Bergdorf von seinem Vater mitten aus dem Unterricht Herausgerissen wird, weil er den kleinen Sohn in seinem Existenzkampf zum Schafehüten auf der einsamen Bergweide dringend braucht. Gavino wächst in der Wildnis ohne formelle Bildung heran, bleibt Analphabet undLeibeigener seines gewalttätigen, patriarchalischen Vaters, bis er beim Militärdienst mit der Welt draußen in Berührung kommt.

Von da an ist es ein qualvolles Nachholen all dessen, was für ihn noch ganz fremd ist: Lesen und Schreiben, die italienische Sprache – er spricht ja bis dahin nur sardisch – und der Lehrstoff seiner Fernmeldeeinheit. Als sein erstes, selbergebasteltes Radio von einem Armeeinstrukteur geprüft wird, betet er still: Wenn du funktionierst, dann lerne ich auch noch Latein und Griechisch und gehe auf die Universität. Und so ist es auch: Gavino lernt während eines Manövers über Funk von Panzer zu Panzer von einem Freund die ersten lateinischen Sätze, wird Sprachwissenschaftler und löst sich endgültig von seinem Vater, der aus seinen jahrhundertealten archaischen Strukturen nicht mehr herauskann. Er wird Schriftsteller und schreibt einen Roman über sein Leben.

Die Geschichte des Films ist authentisch, es ist die Geschichte des Hirten Gavino Ledda, der ein außerordentliches Buch geschrieben hat, voll bestürzender Kraft. Das Buch hat gleich nach seinem Erscheinen den „Premio Viareggio“ erhalten, erlebte in wenigen Jahren etwa zehn Auflagen und wurde in alle Weltsprachen übersetzt. Bei Benziger ist es nun auch erschienen, und die deutsche Übersetzung von Heinz Riedt muß besonders erwähnt werden, die in vielen Passagen den sardischen Ausdruck oder Satz beibehält und ihn erst dann übersetzt. Auch wenn man nicht sardisch versteht, bekommt man doch ein Gefühl für die außergewöhnliche Kraft und Farbigkeit dieser Sprache.

Ähnlich Bestürzendes habe ich bisher nur in „Schöne Tage“ von Franz Innerhofer und „Lebensgeschichte und natürliche Ebentheuer des armen Mannes im Tockenburg“ von Ulrich und ker (1735–1798), dem Schweizer Geißhirten und Garnhausierer, gelesen. In allen Fällen handelt es sich um dörfliche Analphabeten, die sich unter entsetzlichen gelesen. aus der Rückständigkeit und der Isolation mit eigener Kraft befreien. Gleichzeitig wird in diesen Büchern auch etwas anderes klar, daß das Analphabetische eine andere Seite hat, daß es eine Erfahrungs- und Intelligenzjform ist, die unserer Zivilisation zwangsläufig Verlorengeht, daß es ein Kulturgut ist, das von der Erde verschwindet.