Die Sicherung der Arbeitsplätze hat Vorrang für die Stahlarbeiter

Von Heinz-Günther Kemmer

Dortmund, Ende November

Der Feldherr besichtigt die Front gleich zu Beginn der Auseinandersetzung: Am Dienstagmorgen um sechs Uhr, als der Streik in der Stahlindustrie anläuft, steht Eugen Loderer am Hauptportal der Westfalen-Hütte in Dortmund. Mit Hut und Mantel und Krawatte nimmt sich der Boß der mächtigen Industriegewerkschaft Metall eher wie ein Kleinbürger aus; aber das Geschehen um ihn herum macht schnell deutlich, wer hier die Hauptrolle spielt.

Schon am Vortag hatte sich im Ruhrgebiet herumgesprochen, daß Loderer bei Streikbeginn in Dortmund sein werde – prompt pilgerten Journalisten zum Dortmunder Norden, zum Hauptwerk des Hoesch-Konzerns So erhellt das gleißende Licht der Fernsehleuchten das Vorfeld des Werkseingangs, hin und wieder taucht das Aufleuchten eines Blitzgeräts die Traube von Journalisten in Helligkeit, die sich um Loderer schart.

Der Gewerkschaftsboß nutzt die Chance, bei dieser Gelegenheit seine Lesart der Tarifauseinandersetzung zu verkaufen. Er gibt ein Interview nach dem anderen und wird nicht müde, die sich allmählich wiederholenden Fragen zu beantworten. Helmut Wolf, der Betriebsratsvorsitzende der Westfalen-Hütte, wird derweil ungeduldig. Er möchte den Spitzenfunktionär aus Frankfurt auch noch an anderen Werkstoren vorzeigen. Aber Loderer läßt sich Zeit.

Die Schuld am Streik – das ist seine Version der Geschichte – tragen einzig und allein die Arbeitgeber. Sie hätten, so betont er, in den sechs Verhandlungen, die seit August geführt wurden, der Forderung der IG Metall nach Verkürzung der Arbeitszeit kein Angebot gegenübergestellt. "Wir hatten den Eindruck, daß die Arbeitgeber uns nicht ernst genommen haben", sagt später der Essener IG-Metall-Bezirksleiter Kurt Herb vor Journalisten. Nun soll mit dem Streik unterstrichen werden, wie ernst es der Gewerkschaft ist. An ihrer Entschlossenheit besteht kein Zweifel, denn ihre Mitglieder stehen hinter dieser Forderung. Wie sehr, das erfuhren die Funktionäre, als sie nach dem Arbeitgeberangebot, den Urlaub für alle auf sechs Wochen zu verlängern, die Stimmung in den Betrieben sondierten: Das Arbeitgeberangebot wurde knallhart abgelehnt.