Briefe an den Nikolaus oder den "lieben Gott im Himmel" gehen bei der Deutschen Bundespost denselben irdischen Weg wie andere Sendungen auch. Die Post befördert sie nach St. Nikolaus, Postleitzahl 6624, jenen kleinen Ort im Saarland, den alljährlich vier- bis fünfhundert Briefe in Kinderschrift erreichen. Sie werden alle beantwortet: Dafür sorgt der Verkehrsverein, der die Antworten auch in Englisch; Französisch, Holländisch oder Italienisch schreibt.

Briefe mit Adressen wie: "Santa Klaus" oder; "Ans Christkind" oder "Dear Saint Nicolaus on Cloud" mit der näheren Beschreibung: Stratosphäre oder "im Himmel" und in Klammern "dort bekannt", flattern aus allen Himmelsrichtungen in jenen kleinen Ort, der heute Ortsteil 3 der Grenzgemeinde Großrosseln ist. Sie kommen aus Australien und Amerika, aus Afrika und Asien, und daß sie mit jener himmlischen Adresse und nicht immer genügend Porto überhaupt im 1200-Seelen-Ort St. Nikolaus ankommen, das ist schon ein Wunder.

An Wunder auch mögen all jene kleinen Briefeschreiber denken, wenn sie irgendwann die Antwort des vermeintlichen Weihnachtsmanns erreicht. Der Briefkopf zeigt ihn, den Nikolaus, als Bischof mit Mitra, ihm zu Füßen ein paar Kinder. Ein Nikolaus-Porträt mit Mitra und Krummstab und einem Sack voller Geschenke ziert auch den Sonderstempel der Bundespost, der vom sechsten Dezember an acht Wochen lang die frohe Botschaft verkündet: "St. Nikolaus, Patron der Nächstenliebe, Ortsteil St. Nikolaus, LVBS-Ausstellung, Großrosseln 3, 6624". LVBS steht für "Landesverband der Briefmarkensammler des Saarlandes", der Anfang Dezember hier eine Briefmarken-Ausstellung organisiert. St. Nikolaus selbst, seit der Gebietsreform als Ort nicht mehr existent, kann auf diesem Umweg seinen Sonderstempel halten. So hat der bekannte Heilige nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Philatelisten einen Stein im Brett, Seit die Post 1967 den Sonderstempel schuf, wurde er bereits 750 000mal auf 332 000 Sendungen gedrückt.

Tina aus Koblenz schreibt: "Viele Grüße und 1000 Küßchen auch an das Christkind und St. Ruprecht. Klebe bitte eine schöne Briefmarke auf, denn ich sammle Briefmarken." Petra: "Ich habe Angst vor Dir, komme bitte nicht ins Haus, fülle mir aber bitte den Stiefel vor meiner Tür" – die Tür hat sie aufgemalt. Dieter: "Wenn du kommst, daß ich schon im Bett liege, stelle den Teller auf den Tisch." Hagen und Carsten: "Bitte schreibe uns, wirst du uns auch in Düsseldorf besuchen, wir müssen nämlich noch in diesen Tagen dorthin umziehen. Sag auch dem Christkind Bescheid, daß wir umziehen!" Gudrun grüßt alle, "die bei dir im Himmel wohnen", Stefan erkundigt sich: "Ist es bei dir im Himmel auch so kalt wie bei uns auf der Erde? Sende bitte dem Wetterdächer einen Gruß von mir und sage ihm bitte, daß er es wieder warm werden lassen soll."

Die Briefe kommen Stapelweise, mit Zeichnungen und Gedichten, mit langen Wunschlisten oder Fragen nach Nikolaus’ Lieblingsbeschäftigung, seinem Alter oder wie er "überhaupt vom Himmel runterkommt". Daß er im Schlitten die Milchstraße entlangfährt, wird bezweifelt: "Kommst du nicht mit dem Flugzeug?" Gesa lädt ein: "Ihr, du und die Englein, könnt mich ja im Sommer zu meinem Geburtstag besuchen kommen, denn dann habt ihr ja Ferien." Der Nikolaus schreibt zurück, daß er aus Zeitgründen absagen müsse. "Ich werde immer gebraucht, weil Nächstenliebe und Hilfe immer nötig sind." – Unterschrift "Nikolaus" oder "Grüße vom Nikolaus" – lauten alle 15 vorgedruckten Antwortschreiben. Unbeantwortet bleibt kein Brief, auch jene Schreiben nicht, die individuell entworfen werden müssen, wenn Eltern Erziehungshilfe durch Ermahnungen erwarten. Der Nikolaus erledigt alles – was seinen offiziellen Dienst am 5. Dezember oft bis Neujahr verlängert.