Von Christine Brinck

Irmgard Wolf, Jahrgang 1936, gelernte Metereologin, praktizierende Hausfrau, hatte nach jahrelanger, aufopferungsvoller Erfüllung ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau das ganz bestimmte Gefühl, so geht es nicht weiter. In ihren alten Beruf konnte sie nicht zurück, der Wissensverfall sei zu rapide, sagte sie sich. Welchen neuen sie wollte, wußte sie nicht. Ein allgemeinbildendes Studium mit Praxisbezug wäre wohl das richtige gewesen. Sie wußte nur, daß sie erst einmal wieder denken lernen wollte, sich mit Fragen auseinandersetzen, Probleme analysieren, sich nicht mehr so dumm vorkommen, wenn die Männer reden. Doch – wo lernt man denken?

An der Universität? Das wäre der richtige Lernort, wenn er sich denn auf "Studenten" wie Irmgard Wolf oder andere Erwachsene mit Lebens- und Berufserfahrung einzustellen bereit wäre; doch Fehlanzeige. Die damals 37jährige Frau Wolf hatte zwar Lebenserfahrung, aber nicht das Abitur. Außerdem herrschte strenger Numerus clausus.

Sie sollte das Abendabitur machen – eine zweieinhalbjährige Folter, die berufstätige Erwachsene auf die Schulbank zwingt und mit Lerninhalten konfrontiert, die für 17- bis 18jährige Schüler bedingt angemessen sein mögen, dem erwachsenen, interessierten Studierwilligen aber schnell wieder alle Motivationen zerstören.

Irmgard Wolf hatte dazu weder Zeit noch Nerven. Sie hatte jedoch Glück: Sie konnte ein Begabtenabitur machen und wurde an eine Pädagogische Hochschule zugelassen. Die Frage: Wozu das alles? mußte sie sich regelmäßig von Freunden wie von Administratoren anhören.

In der Hochschule nahm sie zwar im Prinzip jemandem den Studienplatz weg, denn Lehrerin wollte sie wohl gar nicht werden, aber das Bildungssystem verschloß sich ja sonst ihren Forderungen und Wünschen. Sie fuhr häufiger in die weitentfernte Hochschule und studierte zu ihrer und der Professoren Zufriedenheit; neben den Jüngeren zu bestehen war ihr kein Problem. Sie machte ein ausgezeichnetes Examen. Eine Anstellung fand sie zunächst nicht. Sie gab aushilfsweise Musikunterricht. Ihr Selbstbewußtsein ist gestärkt, ihr Leben ist reicher geworden, sagt sie. Doch sind viele ihrer Fragen unbeantwortet geblieben, Fragen, die sich aus ihrem erwachsenen und berufstätigen Status ergaben, Fragen, die auch kaum im Rahmen enger Lehrpläne beantwortet werden können. Heute meint sie: "Ich würde gern meinen Doktor machen, ein Problem mal so richtig wissenschaftlich anpacken und analysieren." An die auch jetzt wieder gestellte Frage: Wozu denn das? hat sie sich gewöhnt. "Lebensqualität ist doch auch ein Ziel!"