Mit seiner spektakulären Attacke gegen die Finanz-Misere der Deutschen Bundesbahn dürfte der Ehrenpräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und stellvertretende Verwaltungsratsvorsitzende der Bundesbahn, Hans-Günther Sohl, ebenso erfolglos bleiben wie andere vor ihm, die sich öffentlich für eine Sanierung der Bahn eingesetzt haben.

In einem Brief an Bundeskanzler Helmut Schmidt, Verkehrsminister Kurt Gscheidle und andere Kabinettsmitglieder sowie die Unions-Chefs Helmut Kohl und Franz Josef Strauß hatte Sohl die Sanierung der Bahn als "eine nationale Frage höchsten Ranges und größter Dringlichkeit" bezeichnet; der derzeitige Schuldenstand der Bahn von 32 Milliarden Mark drohe bis 1982 auf wenigstens 38, vielleicht aber sogar 47 Milliarden Mark anzuwachsen. Hauptursache: überhöhte Bezahlung der Eisenbahner.

Wenig aussichtsreich ist dieser Vorstoß einmal, weil offenbar keiner der Adressaten seines Briefes bereit ist, zuzugestehen, daß die Bahn ihr Personal zu gut bezahlt. Die angesprochenen Ministerien hüllen sich in Schweigen. Im Namen des CDU-Vorsitzenden Kohl erklärt für die Bonner Opposition deren verkehrspolitischer Sprecher Dieter Schulte, die Frage der angeblichen Überbezahlung könne allenfalls vom Bundesrechnungshof beantwortet werden – er will sich aber noch nicht darauf festlegen lassen, daß er den Rechnungshof auch wirklich um eine Expertise bitten wird. CDU/CSU-Fraktionssprecher

Eduard Ackermann fügt hinzu, er sehe "keinen Anlaß, auf dem Bahnpersonal herumzuhacken."

Darüber hinaus aber hat Sohls Brandbrief auch den Nachteil, daß die darin aufgestellten Behauptungen nicht ohne weiteres nachprüfbar sind. So sagt er, die Bezüge der Bahn-Bediensteten lägen um 30 bis 40 Prozent, zum Teil sogar noch weit mehr über denen gewerblicher Arbeitnehmer. Diese These ist nur zu einem Teil beweisbar.

Bestätigt hat sie sich etwa bei Modellversuchen mit regionalen Busgesellschaften, an denen sowohl Busse der Bahn als auch privater Unternehmer beteiligt waren – die Bahnbusfahrer verdienten etwa ein Viertel mehr als ihre privaten Kollegen.

Doch Sohl gibt keine Hinweise, mit welchen gewerblichen Berufsgruppen er etwa Lokführer oder Zugbegleiter vergleichen will. Aus solchen Unklarheiten nähren sich die Proteste der Eisenbahner-Gewerkschaft oder, wie vor wenigen Tagen, der CDU-Sozialausschüsse Hessens.