Die Geschichten, die auf dieser genauso schönen wie unüblichen Platte erzählt werden, sind uralt. Let’s boogie woogie all night long", freut sich der Sänger, bittet dann wieder: "Komm’ her, Schätzchen, komm’ auf Vaters Knie", schwärmt von einer Dame, die hoch oben auf dem Berg, "up on the hill" lebt, und kann in seinem offenbar reichbestückten weiblichen Bekanntenkreis auch mal die Geduld verlieren: "Ich laß" mich nicht länger so mies behandeln. Ich bin schließlich kein dreckiger Hund". Blues-Geschichten sind es, nicht selten mehr als 50 Jahre alt, und doch sind sie erst im Mai des Jahres 1978 aufgenommen worden. Es singt Big Joe Turner, ein 67jähriger Bluessänger aus Kansas City. Es spielt Axel Zwingenberger, ein 24jähriger Pianist aus Hamburg. Der Ort, an dem dieses schöne Gespräch zwischen. Schwarz und Weiß und an den schwarz-weißen Tasten stattfand, war Los Angeles:

"Let’s boogie woogie all night long"; Big Joe Turner und Axel Zwingenberger; Telefunken 6.23624 AS.

Hamburg ist ja eine Art Boogie-Woogie-Nest. Bleich und besessen ziehen die oft noch sehr jungen, immer aber außerordentlich stilkundigen Pianisten von Kneipe zu Kneipe, sammeln dabei Erfahrungen und haben auch schon außerhalb der Hansestadt, im Süden unseres Landes und nicht zuletzt in Österreich, eine treue Anhängerschaft. Vince Weber ist mit dem Deutschen Schallplattenpreis geehrt worden ("The Boogie-Man", EMI 6729). Axel Zwingenberger hatte sich schon vor zwei Jahren mit seinem "Boogie Woogie Break Down" (Telefunken 6.23657 AS) in den Vordergrund gespielt. Das hat sein Selbstvertrauen gestärkt, und er hat den Wunsch geäußert, mit Big Joe Turner, dem nun wohl letzten Vertreter der alten Kansas-City-Blues-Tradition, Schallplattenaufnahmen zu machen.

Anfangs war geplant, diese Begegnung in Europa herbeizuführen. Doch Turner, inzwischen ja nicht mehr der Jüngste und auch beinahe drei Zentner schwer, war leider nicht mehr in der Lage, zu den Sessions über den großen Teich zu kommen. Man traf sich im Studio des Soul-Veteranen Johnny Otis. Nur ein paar Freunde von Joe Turner waren dabei, gaben dem alten Herrn ein Gefühl der Sicherheit, sorgten für ein entspanntes Klima, und es muß, erzählt Axel, wie in den alten Zeiten gewesen sein, wie in den dreißiger Jahren. Damals nämlich war Joe Turner im Hauptberuf Barkeeper in KC, stellte, wenn die Gangster und Alkoholschieber es verlangten, das Tablett mit den Gläsern beiseite, sang seinen Blues und ließ sich von Pete Johnson am Piano begleiten.

"1948" – Axel weiß das sehr genau und erzählt es gern – "haben die beiden zum letztenmal eine Live-Aufnahme gemacht. Dann ist Big Joe dem klassischen Boogie untreu geworden, hat sich dem Rhythm and Blues zugewandt. 1956 entstand die Platte ‚Boss of the Blues (Atlantic 50244 in der Serie That’s Jazz), wunderschöne Musik, im Grunde ja aber mehr Kansas-City-Jazz von Basie-Musikern. Deshalb habe ich, ehe ich rüberflog, in meinen Briefen den alten Herrn mit dem Begriff ,Boogie Woogie‘ bombardiert. Seit dreißig Jahren hatte er nicht gemacht, was wir in diesem Frühjahr in Los Angeles gemacht haben."

Man muß sich das einmal vorstellen: der bleiche Nachwuchs aus Deutschland bringt einen schwarzen Blues-Veteranen dazu, noch einmal die Musik seiner Jugend aufklingen zu lassen. Da hämmern die motorischen Triolen; da taucht man bei Leroy Carrs klassischem "In the evening" auch einmal tief in die Atmosphäre des ländlichen Blues, und bei "John’s and Louis’ Blues" wird Big Joe Turner sogar von der Stimmung des Augenblickes so weit hingerissen, daß er sich von den längst zum Topos gewordenen Blueszeilen löst und ad hoc neue improvisiert.

Mehr noch: die Aufnahmen sind in Los Angeles fast genauso gemacht worden wie vor Jahrzehnten. Keine technischen Tricks! Der Sänger setzt sich zu dem Pianisten an den Flügel. Man ist nicht durch Kabinen voneinander getrennt. Man sieht sich. Man hört direkt, was der andere macht, und das Ergebnis ist eine Musik, die von manchmal ganz gemächlichem und wie tastendem Beginn immer dichter wird, wächst und auf ein swingendes, bezwingendes Finale zudriftet ("Rock the joint boogie"). In einem solchen Moment werden die Gegensätze zwischen Schwarz und Weiß, Alter und Jugend lächerlich und hören auf zu existieren. Werner Burkhardt