Was wiegt schwerer: "Mitläufer" von damals oder Ketzer von heute? Von Rolf Zundel

Ein neues Schlagwort macht die Runde: Von der "zweiten Entnazifizierung" ist die Rede. Unziemliche Neugierde soll damit abgewehrt werden, und dieser Abschreckungsvokabel bedienen sich viele: Franz Josef Strauß und Helmut Kohl, aber auch der Bundeskanzler. Wann immer jemand die Rede darauf bringt, daß führende Politiker von heute auf irgendeine Weise ins Unrechtregime des Nationalsozialismus verstrickt waren, wird ihm dieses Wort entgegengeschleudert. Es ist erinnerungsträchtig, denn es ruft jene Straf- und Umerziehungsaktion wiederins Gedächtnis, mit der die Alliierten, insbesondere die Amerikaner, Deutschland nach Kriegsende überzogen.

Vor sogenannten "Spruchkammern" wurden die Deutschen eingestuft: in Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Entlastete. Geldbußen wurden verhängt, es gab Beschlagnahmen von Vermögen, Berufsverbot und Aberkennung des Wahlrechts. Zu Millionen wurden die Deutschen überprüft und mit Fragebogen ausgeforscht. Alles in allem war es ein ziemlich naiver Versuch, den NS-Staat justitiabel zu machen und die Grundlagen einer politischen Umerziehung zu legen. Er war naiv, weil diese Aktion, als Siegerrecht hingenommen, aber nicht akzeptiert wurde; naiv auch, weil er von der Vorstellung ausging, in einem totalitären Staat habe der Bürger gegen die erklärte Staatsräson sichere eigene Maßstäbe von Recht und Unrecht finden und sich auch daran halten können.

Mitläufer, ob guten Glaubens oder schlechten Gewissens, waren die meisten Deutschen, waren wir fast alle. Und selbst diejenigen, die Widerstand leisteten, waren, weil sie sich tarnen mußten und überleben wollten, zu Kompromissen mit dem Regime gezwungen. Viele können geltend machen, sie hätten nicht anders zu handeln vermocht, die meisten können für sich in Anspruch nehmen, sie hätten sich keiner Verbrechen schuldig gemacht.

Keine strahlenden Helden

Diejenigen, deren Vergangenheit jetzt wieder ans Licht der Öffentlichkeit gezogen wird, unter ihnen befindet sich Karl Carstens, der nach einem Beschluß des CDU-Vorstandes vom vergangenen Montag Bundespräsident werden soll, gehören nicht zu denen, die dem NS-Regime mehr gegeben hätten, als sie nach Lage der Dinge für notwendig hielten, aus Gründen der beruflichen Karriere oder aus Rücksicht auf die Familie. Sie waren, gemessen an den Usancen von damals – immerhin hatte die NSDAP 13 Millionen Mitglieder – keine Ausnahmeerscheinungen, keine strahlenden Helden, auch keine finsteren Dunkelmänner, manche ein wenig couragierter, manche etwas opportunistischer. Sie waren "normal" – falls dieses Wort erlaubt ist für ein Verhalten, das sich innerhalb staatlich pervertierter Normen bewegte.

Wenn jetzt ihre Vergangenheit ausgegraben wird, so geschieht das keineswegs immer nur aus den hehrsten Motiven – manchmal ähnelt diese Grabarbeit der Denunzierungspraxis im Dritten Reich; sie ist zwar nicht so gefährlich, aber nicht viel besser. Und mitunter drückt sich darin ebensoviel naive Überheblichkeit aus, wie sie manchen Umerziehern nach 1945 zu eigen war. Von einer zweiten Entnazifizierung zu reden, ist dennoch irreführend. Es geht nicht um Millionen, die unter Anklage gestellt werden, sondern um ganz wenige, nach deren Vergangenheit gefragt wird; und daß ihnen daraus Nachteile für die Karriere entstünden, ist höchst selten. Mitläufer gewesen zu sein, hindert gegenwärtig niemand, in hohe Staatsstellungen aufzurücken, es sei denn, er habe gegenüber dem NS-Regime ein ungewöhnliches Maß an Beflissenheit gezeigt. Der Fall Filbinger ist da gewiß kein Gegenbeweis. Nicht, daß er als Marinerichter Todesurteile gefällt hatte, führte zu seinem Sturz, sondern daß er, der sich als Widerstandskämpfer geriert hatte, Stück um Stück die nicht ganz so schöne Wahrheit eingestehen mußte.