Von Marianne Heuwagen

San Francisco

Es kam der Zeitpunkt, da wären mein Mann und ich bereit gewesen, für Jim Jones zu töten", sagt Jeanne Mills. Die zierliche 39jährige Frau wirkt eher schüchtern und zurückhaltend. "Wir kennen andere, die bereit sind, dies zu tun", fügt sie hinzu.

Jeanne und ihr Mann Al fürchten heute um ihr Leben. Sie fühlen sich bedroht von den Mitgliedern der Sekte "Tempel des Volkes", weil sie ausgetreten sind und seit einem Jahr öffentlich auf Mißstände innerhalb der Sekte hinweisen. In Berkeley hat das Ehepaar Mills ein Heim eröffnet für ehemalige Mitglieder der Sekte, die ein neues Leben anfangen wollen. Das Haus ist zugleich Stätte der Zuflucht und des Schutzes. Seit der Tragödie von Jonestown steht es unter Polizeischutz.

Jeanne und Al Mills waren im November 1969 zu der Sekte "Tempel des Volkes" gestoßen, als das Ehepaar noch Elmer und Jeanne Mertle hieß. Freunde hatten sie im Hauptquartier der Sekte in Ukiah, Nordkalifornien, bei Pfarrer Jim Jones eingeführt. Das Ehepaar Mertle war tief beeindruckt von dem "Sozialistischen Utopia", das Pfarrer Jones in Nordkalifornien aufbaute. Elmer Mertle arbeitete damals in einem chemischen Labor des amerikanischen Ölkonzerns Standard Oil. Er gab seinen Beruf auf, verkaufte sein Haus und zog mit seiner Frau nach Ukiah. Die fünf Kinder folgten nach.

"Als wir dorthin kamen", sagt Frau Mertle, "lehrte Jim Jones uns, Mitleid zu haben mit alten Menschen und zärtlich zu sein zu den Kindern. Die Kirche bildete eine großherzige Gemeinschaft, in der jung und alt glücklich zusammenlebten und die Rassen integriert waren."

Diese Atmosphäre voller Wärme und Herzlichkeit begann sich allmählich zu ändern, erzählen die Mertles. "Zuerst gab es nur psychische Strafen. Wenn jemand etwas falsch gemacht hatte, wurde er vor der gesamten Kongregation gedemütigt." "Etwas falsch machen", das hieß: Rauchen, Trinken oder Stehlen. Diese öffentlichen Demütigungen wurden später, durch Schläge ersetzt.