Auf dem Gebiet der Kinderliteratur kommen und gehen die Moden, doch die Liebe der Kinder gehört nach wie vor auch den Märchen. Erst in unserem Jahrhundert, während der Entwicklung einer eigenen Literatur für Kinder, hat die Kritik an den Märchen eingesetzt. Von Pädagogen und Psychologen ist gefragt worden, ob die Märchen mit ihrer Grausamkeit, ihren abgelebten historischen Mustern, ihrem Bild einer vorindustriellen Gesellschaft und Landschaft für Kinder noch einen Sinn hätten. Und erst die Kinderpsychologie und -psychiatrie der zweiten Jahrhunderthälfte hat die Antworten auf diese Fragen gegeben und das Märchen auf seinen angestammten Platz mitten im Kinderzimmer zurückgeführt. Bruno Bettelheim, einer der bedeutendsten Kinderpsychologen, schreibt: "Die tiefen inneren Konflikte, die aus unseren primitiven Trieben und unseren heftigen Emotionen entstehen, werden in den meisten modernen Kinderbüchern verschwiegen, so daß die Kinder dort keine Hilfe zu ihrer Bewältigung erhalten. Das Märchen dagegen nimmt diese existentiellen Ängste ernst und spricht sie unmittelbar aus. Das Märchen setzt in einem viel tieferen Sinn als jede andere Lektüre dort ein, wo sich das Kind in seiner seelischen und emotionalen Existenz befindet..."

Das deutet auch an, daß Märchen keine Altersangaben brauchen: ihre Bilder und Zeichen gelten für die verschiedensten Schichten des Bewußtseins, und wenn man Kindern Märchen erzählen will, sollte man sich an das Beispiel dieser Autorin halten:

Barbara Bartos-Höppner und Manfred Butzmann (Illustrationen): "Zaubermärchen"; Thienemanns Verlag, Stuttgart; 128 S., 13,80 DM.

Sie hat unter diesem und anderen Titeln (Wintermärchen, Tiermärchen) alte Geschichten neu erzählt, und da sie souverän mit Worten umgehen kann, ist es schon ein Genuß, diese poetische, aber sehr disziplinierte Sprache zu lesen. Darüber hinaus hat sie die Märchen jedoch in einen Rahmen gestellt und erzählt, wie ihr Großvater, die alte Berthe und der hagere Daniel ihr als Kind bei dieser und jener Gelegenheit Märchen erzählt haben, die genau zu den jeweiligen Situationen gepaßt haben. Der Leser erlebt also mit, wie der Großvater der Berthe beim Topfschrubben zuschaut und ihr und dem Kind das Märchen vom Zwergentopf erzählt, der seinen Zauber verliert, wenn er blankgeputzt wird. Zur Wanduhr mit dem Jäger in den vier Jahreszeiten auf dem Ziffernblatt gehört das Märchen von Einar, dem Jäger. Das schwarze Huhn flattert durch die Träume des kranken Kindes, und der Fußsack aus Seehundpelz führt zu der Geschichte vom Robbenweibchen und dem Bauern, der es zur Frau gewann.

Das Wort von Theodor Storm – "Weil’s doch jetzt Zeit ist, Märchen zu erzählen" – ist das Motto aller Bände, und das "jetzt" wird durch die beharrliche Wiederholung zum "immer".

Sybil Gräfin Schönfeldt