Von Lothar Ruehl

Der unerwartete Rücktritt des Generals Harald Wust als Generalinspekteur der Bundeswehr zwingt nicht nur zu einer raschen Neubesetzung der militärischen Führungsspitze, er bietet zugleich auch die Möglichkeit, die deutsche Personalpolitik den Notwendigkeiten der Nato anzupassen. Denn in den dreiundzwanzig Jahren der Bündnismitgliedschaft wurde die gebotene und vorteilhafte gegenseitige Ergänzung nationaler und internationaler Erfahrungen auf der militärischen Führungsebene versäumt. Zwar boten sich seit 1967, nach dem Rückzug Frankreichs aus der westlichen Militärorganisation, genug günstige Gelegenheiten an, deutsche Generäle bald in der Bundeswehr, bald in Nato-Stäben einzusetzen, doch diese Chancen wurden kaum genutzt.

In einem Lande, das im Verteidigungsfall zum Frontgebiet eines europäischen Kriegsschauplatzes und im Spannungsfall zum direkten Konfrontationsbereich der Krise gehören würde, sollte eine intensivere Nato-Verwendung der Generalität eigentlich selbstverständlich sein. Das Gegenteil aber ist eingetreten: Die deutsche militärische Führung kapselt sich immer mehr ab, und eine möglichst exklusive nationale Verwendung der für den Aufstieg vorgesehenen Offiziere wird zur Regel.

Was der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer im Jahre 1954 nach dem Scheitern des Vertrages über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft befürchtet hatte, ist im militärpolitischen Kern tatsächlich eingetreten – der Rückfall in nationales Denken an der Spitze einer Armee, deren Existenzgrundlage niemals die Nation oder die Bundesrepublik sein kann, sondern nur ein Bündnis. Denn Westdeutschland kann sich allein nicht schützen, und die europäischen Nachbarn haben von Anfang an die Integration des deutschen Militärpotentials in einem gemeinsamen Bündnis gewünscht, damit es unter internationaler Kontrolle gehalten werden kann. Sie erhoben eine solche Konstruktion zu einer Vorbedingung ihrer eigenen Sicherheit. Deshalb könnte eine vom Bündnis abgelöste oder der Nato gegenüber distanzierte, selbständig denkende und übende, in der Krise selbständig handelnde Bundeswehr dem eigenen Lande nicht wirksam dienen. Sie wäre im Gegenteil ein europäischer Unsicherheitsfaktor.

Die Bundeswehr besitzt ihren Sinn und Zweck nur als Bündniskontingent, und sie wird ihn unter den Bedingungen der europäischen Politik nur als fest integrierter Bestandteil einer Allianzstreitmacht haben. Alle anderen Vorstellungen sind Literatur, Ideologie und Illusion. Es sei denn, es würde eines Tages eine Schutztruppe zur Darstellung der eigenen Neutralität nach österreichischem Vorbild gebraucht.

Die Bundeswehr hat die ihr in der Nato gebotenen personellen und organisatorischen Chancen zur Durchdringung des Bündnisses und zur Befruchtung des eigenen Denkens im Kontakt mit der Bündnisrealität, viel zu wenig genutzt. Ja, lange Zeit war es in Bonn sogar verpönt, Eingebung und Erfahrung aus internationalen Quellen zu schöpfen. Geschah es dennoch, dann eher zufällig oder nebenbei. Die seltenen Ausnahmen waren und sind in der Bundeswehr nicht populär.

Eine fremde Sprache wirklich zu erlernen, so daß man sich mit einem Angelsachsen ernsthaft unterhalten kann, galt in Bonn als überflüssig. Das höhere deutsche Offizierkorps verhielt sich zwei Jahrzehnte lang – notable Ausnahmen bestätigen die Regel – gegenüber der englischen Bündnissprache, von der französischen nicht zu reden, wie einst der Feldmarschall Schlieffen angesichts eines schönen Sonnenuntergangs: "Militärisch irrelevant lautete die Lagebeurteilung. Diese Sprachlosigkeit verrät wie jede Sprache den Geist, der hinter der Zunge die Gedanken lenkt: Der Geist der Bundeswehr wird noch immer aus den heimischen Garnisonen in der Provinz und von der Bonner Administration bestimmt, wo die Karriere gemacht wird.