Die Bundesbahn sträubt sich gegen das Vordringen der billigeren Binnenschiffahrt

Hans-Eberhard Urbaniak, SPD-Bundestagsabgeordneter und Gewerkschaftssekretär, glückte der Durchbruch. Seit geraumer Zeit macht sich Urbaniak, flankiert von mächtigen Bittstellern aus Wirtschaft, Partei und Gewerkschaft seines Dortmunder Wahlkreises, für einen Schleusen-Neubau in Henrichenburg am Dortmund-Ems-Kanal stark. Der Haushaltsausschuß des Bundestags hat nun 1,5 Millionen Mark für die Planung bewilligt.

Ob sich Urbaniak seines Sieges lange erfreuen wird, ist allerdings höchst ungewiß. Er muß mit massivem Widerstand Von Verkehrsminister Kurt Gscheidle rechnen. Der hatte nämlich noch im Juni per Kabinettsbeschluß durchgesetzt, daß Erweiterungsbauten im deutschen Wasserstraßennetz unterbleiben, wenn dadurch die ohnedies prekäre Lage der Bundesbahn noch prekärer wird.

Just das aber befürchtet die Bahn, wenn für die alte 1914 gebaute Schleuse Henrichenburg nun moderner Ersatz geschaffen wird, wie die Dortmunder Wirtschaft das aus plausiblen Gründen fordert. Die alte Schleuse ist nämlich ungeeignet, die moderne Schubschiffahrt rationell und kostengünstig für den Erz-Transport zu Wasser einzusetzen. Immerhin könnte sich bei optimalem Einsatz der Erzschiffe eine Erzverbilligung von 1,20 Mark pro Tonne ergeben, wie Gutachter errechnet haben. Die neue Schleuse würde überdies die Standortqualität von Dortmund verbessern. Investitionsentscheidungen die jetzt aufgeschoben werden, könnten endlich getroffen werden; die Gefahr, daß bedeutende Produktionsbereiche abwandern, wäre gebannt.

Der Hoesch-Konzern will zum Beispiel in einem neu ausgewiesenen Industriegelände eine neue Hütte bauen, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Dortmund-Ems-Kanal läge. Schubschiffe könnten den Rohstoff Erz billiger ans Werk bringen als bislang. Wird die Schleuse indes nicht rasch gebaut, so fürchtet die Dortmunder Industrie- und Handelskammer einen Exodus: "Es könnten weit mehr Arbeitsplätze gefährdet werden, als durch die Industrieansiedlung in den letzten Jahren im gesamten Ruhrgebiet geschaffen worden sind."

Eine Kosten-Nutzen-Analyse über den Neubau Henrichenburg stellt einen außergewöhnlich hohen Wirtschaftlichkeitsgrad in Aussicht: Der Nutzen der Schleuse ist über viermal so hoch wie ihre Kosten, die bei etwa 120 Millionen Mark angesetzt sind.

Was für Dortmunds Wirtschaft gut ist, wäre für die Bundesbahn allerdings schlecht, Sie hätte mit Einnahmeeinbußen zu rechnen, die ihren Verlust um weitere 4,7 Millionen Mark erhöhen würden. Gemessen am 14-Milliarden-Defizit der Bahn ist das zwar nicht viel; gleichwohl schreckt die Vorstellung, die Wasserstraßen weiter auf Kosten der Bundesbahn auszuweiten. So bedeutet allein der Ausbau der Saar zur Großschiffahrtsstraße für die Bahn einen Verlust von jährlich 170 Millionen Mark. Beim Rhein-Main-Donau-Kanal wird er um die 100 Millionen liegen. Überdies führen die Schleusen-Gegner bei der Bundesbahn an, daß die öffentliche Hand durch Neu-Henrichenburg jährlich insgesamt fünfzehn Millionen Mark zuschießen muß. So hoch werden die Folgekosten für die Schleuse (Kapitaldienst, Wartung und Bahnausfälle) beziffert.