Von Helmut Schödel

An den Heizungsrohren hängen kleine Pappen. Sie tragen alle einen Judenstern, halten Pakete in der Hand, schleppen Taschen. Man sieht, wie schlecht es ihnen geht. Schäbig gekleidet, nur mit dem Notdürftigsten ausgestattet, hängen sie am Heizungsrohr und warten auf ihre Deportation.

In einer Ecke des Kellerraums, an die gelbgetünchte Wand gelehnt, steht ein langer, dünner Mann, zwischen 40 und 60 Jahre alt, mit graumeliertem, langem Haar und einem schwarzen, ziemlich schäbigen Gehrock. Er hat etwas von Don Quichotte, von einer Beckett-Figur und einem Guru. Der Mann schaut auf einen Konzertflügel in der Mitte des Raums und beobachtet, wie einer, der auch einen schwarzen Gehrock trägt (und einen schwarzen, breitkrempigen Hut), auf den Flügel springt und eine gehässige Ballade zu singen beginnt, die vom Juden Shylock erzählt. Der Jazzpianist am Flügel ist gekleidet wie dieser Moritatensänger und die elf anderen Schauspieler, die sich um den Flügel gruppieren. Zum Jazz von Stanley Walden tritt auf: der dreizehnfache Shylock. So beginnt ein Theaterabend in einem Probenkeller der Münchner Kammerspiele. George Tabori und 99 Gäste beobachten "Improvisationen über Shakespeares Shylock", die Tabori nach einer Stelle aus dem "Kaufmann von Venedig" betitelt hat: "Ich wollte meine Tochter läge tot zu meinen Füßen und hätte die Juwelen in den Ohren."

Unter dem Flügel, neben einem Haufen vollgestopfter Plastiktaschen, ist eine Blutlache. Man sieht sie, seit die Herren mit den Gehröcken den Flügel verlassen haben und nach den Puppen greifen, um sie zu entkleiden, zu zerreißen, mit einem Fleischermesser zu zerhacken, mit einer Bohrmaschine zu durchbohren, in einer Plastikwanne mit Salpetersäure zu ermorden. Kurz zuvor hatte man gesehen, wie sich der dreizehnfache Shylock in eine dreizehnfache Karikatur seiner selbst verwandelt hat: Mit Pappnasen (und gräßlich grimassierend) schlichen Shylock-Monster wie "Stürmer"-Karikaturen durch den Raum und pirschten sich von hinten an Zuschauer heran. Sie spielten die Schrecklichen, um zu zeigen, daß sie solche Schreckgespenster gar nicht sind. Das darauffolgende Puppenmassaker zeigt die Vergeblichkeit ihrer (Aufklärungs-)Aktion. Die Blutlache unter dem Flügel breitete sich aus.

Als nach dem Massaker ein Mann im Dunkeln mit einer Laterne vergeblich nach einem Mädchen sucht, das so heißt wie Shylocks Tochter, sitzt eine der Shylock-Figuren immer noch bewegungslos und zu Tode betrübt neben dem Schlachtfeld. Alles scheint dem Mann ganz unbegreiflich, bis er sich erhebt und Antonio ist, der Kaufmann von Venedig. Was nun passiert, passiert im ersten Akt von Shakespeares Komödie: Es wird um Geld verhandelt, ein Schuldschein ausgestellt, ein Pfund Fleisch (Antonios Fleisch) verpfändet. Sekundanten müssen auf Taboris Schlachtfeld Shylock und Basanio, Antonios Freund, vom offenen Kampf zurückhalten. So steigern sich die beiden dann im Wortgefecht in blinde Wut und heftiges Geschrei. Wenn später, am Ende des Stücks, noch einmal Verhandelt wird, wird Shylocks Auftritt vor Gericht (wo er das Pfund Fleisch einklagt) auch nieder, eine Provokation. Shylock kommt nicht allein, sondern verschlungen in andere Personen. Ein Menschenbündel schleppt sich heran: Shylock trägt einen Juden auf der Schulter und schleppt zwei weitere Opfer aus einem KZ hinter sich her. So klagt er zwar an, reiht sich aber selbst schon unter die Opfer ein, die während seiner Verurteilung stöhnend am Boden kriechen. Tabori will seine Schauspieler möglichst aus ihren Rollen und vom Text befreien und sie selbst etwas (emotional) zum Thema des Abends, der Psychologie des Hasses "erfahren" lassen.

Immer wieder blendet Tabori einen Alptraum in Shakespeares Geschichte ein. Bevor Shylock (im zweiten Akt von Shakespeares Stück) sein Haus einer Einladung wegen verläßt, sieht man bei Tabori, wie Shylock sich zärtlich von seiner Tochter Jessica verabschiedet. Er bettet sie auf den Boden neben den Flügel, deckt sie zu und singt ein jiddisches Lied. Unterdessen erscheint auf einer Holztreppe ein gedrungener, ziemlich stumpfsinnig und gefährlich aussehender Mensch, der in Jessicas Traum eintritt. "Dann kommt ein neuer SS-Kommandoführer, der aus einem anderen KZ hierher versetzt worden ist" phantasiert Jessica (die im Traum ein männlicher Häftling ist), als der neue SS-Kommandoführer auch tatsächlich die Holztreppe heruntersteigt und den Gefangenen traktiert. Der Häftling rettet sich auf den Flügel und erzählt im Schein einer nackten Glühbirne, die über dem Flügel hängt, die Geschichte seiner Gefangenschaft. Tabori spielt zwei Geschichten über Shylock gegeneinander aus: Die Geschichte vom jüdischen Monstrum, das nach dem Fleisch seines Schuldners giert (Shakespeares Geschichte) und die vom jüdischen Opfer, das verfolgt und ermordet wird (die Geschichte, die Tabori, dessen Vater im KZ umkam, ergänzt). Während die im Publikum verteilten Schauspieler sagen, was sie zu dem malträtierten Häftlinge auf dem Flügel assozieren ("Ich sehe einen verkohlten Baumstamm, einen Menschenklumpen, einen Schornsteinfeger in Not, einen chloroformierten Affen"), breitet sich die Blutlache unter dem Flügel weiter aus.

Eine Szene, die Shakespeare in seinem Stück nicht ausführt, läßt Tabori in neun-Variationen zeigen: Shylock kommt nach Hause und bemerkt, daß er seine Tochter und mit ihr sein Vermögen an einen Christen verloren hat. "Meine Tochter, meine Dukaten", ruft Shylock Nummer Eins, der tiefschnaufend vor Wut und Hilflosigkeit einen Stuhl hinter sich her und um den Flügel herumzieht ... Mit mehr Haß und Phonstärke verflucht ein anderer Schauspieler die Szene und bricht den Versuch bald darauf ab... Dialektsprechend. probiert der dritte denselben Auftritt noch einmal... Ein anderer Shylock betritt das Holzpodest und spielt eine Stummfilmszene ("dramatisch, chaotisch, hinter sich nix – Shylock")... Wieder ein anderer denkt bei dem "Kaufmann von Venedig" an eine "Nacht in Venedig" und stellt sich, "um den schwierigen Inhalt in eine andere Form zu bringen", neben den Flügel und singt: "Was kann der Shylock denn dafür, daß er ein Schwein ist."