ARD, 3. Dezember, 21.55–22.40 Uhr: "Böhmische Dörfer – zur Situation der politischen Bildung in der Bundesrepublik", Film von Michael Gramberg.

Wir als Masse sind der Sache ausgeliefert" – "Larifari, was die uns da verzällen" – "Der kleine Mann hat sowieso nichts zu sagen" – "Die einzige Macht ist die Wahl; dann guckt das Volk in die Röhre." Wohlgemerkt: das sind keine Verbalinjurien. In diesen Aussprüchen anno ’78 wird auch nicht die freiheitlich demokratische Grundordnung von ihren Verächtern durch den Kakao der Destruktion gezogen. Die Zitatenlese, die um eine Fülle von ähnlich stereotypen, dabei auch wieder markanten Sätzen erweitert werden könnte, stammt aus Arbeitermunde, von Leuten, die ihr Einkommen zum Auskommen mit ihrer Hände Arbeit verdienen müssen: von Georg Lebers früheren Berufskollegen, von Bauarbeitern.

Dreißig Jahre parlamentarischer Demokratie in Deutschland haben offenbar nur das eine bewirkt: daß der Souverän unseres Staates, das wirkt: sich von seinen politischen Mandatsträgern verlassen und verkauft fühlt. Die Leute zumindest, die Michael Gramberg vor die Telelinse holte, demonstrieren die resignative Mentalität von Stimmbürgern: Alle Jahre wieder dürfen sie ihre Machtmuskel auf dem Wahlzettel spielen lassen, die übrige Zeit werden sie an der Leine der Verlautbarungen und der Wahlversprechen geführt. Kein Wunder, daß der deutsche Archetypus des Ohne-Mich-Michels nicht ausstirbt, sondern eher sich zu vermehren scheint.

Oder sollte die Quintessenz seines Fernsehfilms, der unter anderem den Mangel an Einsichten von Bundesbürgern in die komplizierten Entscheidungsprozesse der "hohen" Politik im unausweichlichen Flickwerk einer 45-Minuten-Sendung zu dokumentieren versucht, vielleicht ganz anders lauten: daß nämlich in dreißig Jahren parlamentarischer Demokratie in Deutschland eine Vielzahl von Deutschen sich für das Huhn im täglichen Kochtopf, nicht aber für einen höheren politischen Bildungsstandard abgerackert hat?

So einfach sollten es sich die Adressaten dieser Fernsehsammlung von Äußerungen des Unmuts, des Verdrusses und der Resignation, die Politiker, nicht machen. So einfach macht es sich der Autor des Films weiß Gott nicht, daß er den Arbeitern aufs Maul schaut und anschließend Erbarmen mit ihnen oder gar Verachtung angesichts von so viel Uninformiertheit und Unverständnis für die taktischen Finessen der politischen Machtausübung heuchelt.

Gramberg fährt keine demoskopisch ermittelten Pappkameraden vor die Kamera – das tun dann schon eher die Hohepriester der Tele-Demoskopie, Wildenmann und Liepelt, wenn sie, im Film, ihre Relativierungsarien absingen; er befragte, zufällig ausgewählt, ein paar Leute, und daß deren Aussagen "repräsentativ" sind für die neueste Stimmung im Westen, mag nur der anzweifeln, der ohnehin nicht wahrhaben will, was selbst ein sozial-liberaler Koalitionsminister wie Jürgen Schmude selbstkritisch eingesteht: daß einerseits der "Anteil der gutinformierten Bürger noch sehr klein", andererseits aber ein "hohes Maß an Interesse beim Bürger für Politik" vorhanden sei. Im übrigen referiert ein Herr von der Bundeszentrale für politische Bildung (nicht doch etwas voreilig?), es sei an entsprechendem Informationsangebot kein Mangel. Vielleicht ein Mangel an politischer Kultur?

Der Film bestätigt, was aus Umfragen bekannt geworden ist: Die Bürger mögen die streitbare Demokratie, vor allem die Zerstrittenheit der politischen Parteien untereinander nicht, all diese rhetorischen Infights und Konterschläge – die, ist es nicht so, Politik gelegentlich ein wenig würzig erscheinen lassen. Sie erwarten Harmonie; Mut zu klaren Entscheidungen, politische Lebenshilfe für ihre Alltagsprobleme.