Nichts Aparteres als die Beschäftigung mit der Elfenbeinkunst! Tausend Jahre, vom Ausklang der Antike bis zum Beginn der Neuzeit, hat sie ohne wesentliche Unterbrechungen geblüht und dabei lauter Meisterwerke hervorgebracht.

Daß dem so war, hat einen ganz einfachen Grund: Das Material war so kostspielig, daß es nur Künstlern von hohem Rang überantwortet wurde. Was dann auch dazu führte, daß die Elfenbeinschnitzerei zur bloßen Kunstfertigkeit herabsank, nachdem die Schiffe der Afrika- und Indienfahrer Elefantenzähne in Mengen nach Europa brachten.

Aber nicht nur Seltenheit und Kostbarkeit des Werkstoffs bestimmten das Bild der mittelalterlichen Elfenbeinkunst, sondern auch dessen Größe und Form. Die Platten, aus denen Diptychen und Bucheinbände geschnitzt wurden, messen, wenn es hoch kommt, wenig über vierzig Zentimeter; und was die Rundplastiken betrifft, so gilt für sie das gleiche Höchstmaß. Als Ausnahme muß die Muttergottes-Statuette des Giovanni Pisano gelten, die 530 Millimeter hoch ist. Bei ihr kommt dann eine weitere Eigentümlichkeit des Materials, die Krümmung des Elefantenzahns, durch die Zurückneigung der Figur besonders stark zur Geltung.

Auch die Erklärung der Tatsache, daß die Elfenbeinkunst bis heute von Forschung und Publizistik recht stiefmütterlich behandelt wurde, ist denkbar simpel: Das handliche Format und die Kostbarkeit der Elfenbeinschnitzereien machten sie zum idealen Geschenk von Fürst zu Fürst; was zur Folge hatte, daß diese Kunstwerke oft schon bald nach ihrer Entstehung Besitzer und Standort wechselten. Nun aber liegt mit –

Danielle Gaborit-Chopin: "Elfenbeinkunst im Mittelalter"; Gebrüder Mann Verlag, Berlin, 1978; 232 S., 214 teils farbige Wiedergaben auf Tafeln, 53 Abb. im Katalog, 148,– DM

ein Werk vor, daß die Elfenbeinkunst von der Spätantike, bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts souverän zur Darstellung bringt, die wichtigsten Beispiele des Kunstzweigs in vorzüglichen Wiedergaben augenfällig macht und sie in einem sorgfältig gearbeiteten Katalog mit aller wünschenswerten Ausführlichkeit beschreibt.

Vielleicht die erstaunlichste Erfahrung, die man bei der Kenntnisnahme dieser Monographie macht, ist die Tatsache, daß die Elfenbeinkunst während ihrer tausendjährigen Geschichte wohl Höhepunkte, aber keine Zeiten des Verfalls oder auch nur des Stillstands aufweist. Sogar die dunklen Jahrhunderte zwischen dem Ende Roms und der Gründung des karolingischen Reiches machen da keine Ausnahme: Nicht nur in Byzanz, sondern auch in Ravenna und an anderen Plätzen Norditaliens, in Gallien, Northumbrien und im deutschen Raum wurde damals für die Kontinuität einer Kunst gesorgt, die dann durch die Palastschulen Karls des Großen und seiner unmittelbaren Nachfolger eine Renaissance von unerhörtem Glanz erlebte. So steht etwa das um das Jahr 800 geschaffene Relief "Der hl. Michael tötet den Drachen" (Leipzig) dem zwei oder drei Jahrhunderte älteren, byzantischen "Erzengel" im British Museum an Vollkommenheit nicht nach, und eine der bewundernswürdigsten Elfenbeinarbeiten der Spätantike, "Adam im Paradies" (Florenz), hat im Einband des Dagulf-Psalters von 783/95 (Paris) ein ebenbürtiges Gegenstück.