London, im November

Politik und Bett-Geschichten, einmal zu Skandalen verdichtet, dienen – wie der Absturz eines Hochseilartisten zwischen Rathaus und Kirchturmspitze dem öffentlichen Amüsement. Verfestigen sich die Skandale sogar zu einem Gerichtsverfahren, dann versorgen sie die vorherrschende Moral- und Unterhaltungsindustrie mit neuen Lehrbeispielen. Tugendhaftes Verhalten ist erlernbar – besonders einfach an seinem traurigen Gegenteil.

Die Nation, die sich und der verblüfften Welt vor 15 Jahren den Sturz des Politikers John Profumo über das Callgirl Christine Keeler vorführte, rüstet sich derzeit zu einem neuen Sittendrama viel größeren Ausmaßes.

Jeremy Thorpe, englischer Unterhausabgeordneter seit 1959, Parteiführer der Liberalen zwischen 1967 und 1976, ist der Anstiftung und Verschwörung zum Mord an einem Homosexuellen und ehemaligen Freund namens Norman Scott beschuldigt. Das ist eine juristische und politische Ungeheuerlichkeit geradezu mittelalterlichen Ausmaßes, die das 49jährige Mitglied des erhabenen britischen Kronrates ereilt hat – als wollte das Schicksal ausgerechnet Thorpes unverwechselbarer, ominöser Leichenbitter-Miene einen grotesken Sinn geben.

Der schweren Beschuldigung liegt eine schauerliche Mord-Burleske zugrunde, die in der Nacht des 24. Oktober 1975 den Berufskiller Andrew Gino Newton (in seinem Metier noch ein Anfänger) und sein Opfer Norman Scott auf einem westenglischen Hochmoor zusammenführte. Kronanwalt Taylor: Newton, der die Lebensweise des ehemaligen Intimus von Jeremy Thorpe sorgfältig ausgekundschaftet hatte, handelte im Auftrage von Verschwörern namens Holmes, Deakin und Le Mesurier. Sie müssen sich zusammen mit Thorpe vor dem Magistrat im Städtchen Minehead zur Zeit verantworten. Alle vier soll das morbide

Interesse geeint haben, den ehemaligen Schützling des Parteiführers der Liberalen für immer – und rechtzeitig – zum Schweigen zu bringen. Denn Norman Scott drohte, den politisch und gesellschaftlich hoch angesehenen Thorpe mit längst vergangenen Männer-Romanzen zu vernichten: Er schrieb an seinen "Memoiren".

Daß diese löbliche Schriftstellern nicht ungefährlich sei, versicherte ihm sein Rechtsanwalt Ferguson, der Scott am 15. September 1975 besorgt empfahl, sofort nach Südafrika zu fliehen: "Ich fürchte wirklich, daß Sie in großer Gefahr schweben, von einem Menschen sehr verletzt zu werden, der die Veröffentlichung Ihrer Geschichte verhindern möchte."