Von Gabriele Wohmann

Mit diesem Buch ist es mir sehr merkwürdig gegangen. Sein Inhalt wirkte auf mich so überfällig, daß es mir schwerfiel, auf ihn wie auf etwas Neues zu reagieren. Susan Sontag demaskiert Krankheit. Sie bringt die Krankheit zurück zu sich selber. Man könnte meinen, das sei ein wenig grausam. Es handelt sich im Gegenteil um ein sehr menschenfreundliches, den Patienten in die Umgebung von gesunden Leuten zurückholendes Verfahren. Die tradierten Bilder, in Susan Sontags Untersuchung speziell diejenigen, mit denen im vorigen Jahrhundert die Tuberkulose, in unserer Zeit die Krebskrankheit(en) verschleiert werden, sie gewähren ja keinen Schutz, sie lügen ja nur ein summarisches Verständnis zusammen; entstanden aus Angst, erzeugen sie neue Angst:

Susan Sontag: "Krankheit als Metapher", aus dem Amerikanischen von Karin Kersten und Caroline Neubaur; Reihe Hanser 262; Hanser Verlag, München, 1978; 94 S., 9,80 DM.

Dauernd war meine innere Antwort beim Lesen ein Gefühl der Bekanntheit, ja der selbstverständlichen Vertrautheit. Genau so – so verheerend, so infantil-reaktionär – verhält sich der sprachlos-gesprächige Krankheitsamateur, habe ich gedacht, ich weiß das, ich kenne das, Susan Sontag beschreibt meine eigenen Idiosynkrasien gegenüber den Ballast-Stoffen einer Terminologie des Ausweichens vor der Erkenntnis; die Armutsgebärden und Hilflosigkeiten der Sprache analysierend, aufklärerisch, in wohltätiger Mischung aus Empörtheit und Intelligenz, mit der bemerkenswerten Sehschärfe von jemandem, der die Wahrheit gern hat.

Doch diese Empfindung vom Vorgewußten bei mir selber stammte einfach nur – ach, als wäre das mit einem einfach und gar einem nur abzutun, als handele es sich bei solcher Art von déjavu"-Ereignis nicht um einen Glücksfall! – sie stammte schließlich also nicht von früheren Essay-Erlebnissen ab, Sondern der anhaltende Eindruck der längst schon erfahrenen und in mir zurückliegenden (aber weiter lagernden) Übereinstimmung hängt damit zusammen, daß ich selber immer angeekelt war von der mißbräuchlichen Benutzung der Krankheit durch die Sprache. Durch ihre Verbiegung zur Metapher. Durch diese unstatthafte Verwendungsweise. Falsches Schutzbedürfnis, oder: Schutz, falsch verstanden. Susan Sontag, die das übrigens wissen kann, spricht von der "... gesündesten Weise, krank zu sein", die darin bestehe, "... sich so weit wie möglich vom metaphorischen Denken zu lösen, ihm den größtmöglichen Widerstand entgegenzusetzen."

Nur dem aus Mutlosigkeit und schlechter Gewohnheit des Klischees Bedürftigen scheint es leichter, mit Krankheit und Kranken in einem Wortschatz aus Übertragungen und Vergleichen umzugehen. Das ungeliebte Terrain wird übersichtlicher, eine hochdramatische Bilderwelt macht es sonderbarerweise dann sogar zugänglich. Zusätzliche Verfremdung bekommt der fremden Erscheinung gut: so paradox das ist. Phantasien sind besser als Realität: immer natürlich nur für die (noch) Verschonten. In Wahrheit läuft diese Ausfluchthaftigkeit gesprächigschwulstreich auf eine Ächtung der (nicht, nicht mehr) Verschonten hinaus. Man hat sie eingeordnet, sie sind nun klassifiziert: Das ist doch immerhin eine Art Kontakt, den man mit ihnen noch unterhält. Das Übel ist benannt, wenn auch verfälschend, und schon gibt es sich den Anschein, etwas besser verständlich zu sein.

Aber so bildet sich eine Krankheit in der Krankheit heran. Die inzwischen gut bezähmbar gewordene Tb, Metaphernauslöser im vorigen Jahrhundert, eben genauso lang ein sprudelnder Bilderquell wie die therapeutische Hilflosigkeit dazu parallel lief, sie ist in unserer Zeit von den Krebskrankheiten abgelöst worden. Susan Sontag weist, im historischen Vergleich mit der etwas ausgedient-ausgeleierten, entsymbolisierten Tb, an literarischen, medizinischen, psychologischen und selbstzeugnishaften Beispielen nach, wie viel metaphorische Ausbeutung und (häßliche) Dekoration nötig sind, um das sonst allzu unheimliche symptomatische Geschehen in eine negative Mystifikation zu zwingen. Das ist wie ein Bändigungsversuch, kläglich scheiternd, erkenntnisfeindlich, wahrheitsscheu. Im Schwall Von Metaphern spielt die Heilung als Resultat überhaupt keine Rolle; der Tod definiert den gesamten Ablauf von seinem ersten winzigen bösartigen Beginn an. Susan Sontags Thema ist ja nicht die Krankheit als physisches Phänomen, wovon sie allerdings, als Betroffene, authentisch reden könnte: War meine Wahl der Vokabeln "als Betroffene" nicht eben gerade auch fluchtartig metaphorisch? Susan Sontag will beweisen, daß die Krankheit nichts ist als die Krankheit, übrigens durchaus heilbar – aber um statistisches Material geht es hier nicht – und daß die Krankheit nicht identisch ist mit dem Abbild von ihr, mit den Wörtern, die sie deformieren: aufs Dunkelste, aufs Abwegigste, sie in eine vernebelte Ferne rückend.