ZDF, Donnerstag, 23. November: ... nur noch die Hälfte wert". Film von Thomas Mitscherlich, Günther Hörmann, Barbara Hennings und Wolf gang Jung

Sehr viele werden’s nicht gewesen sein, die zu ungelegener Zeit, mitten in der Arbeitswoche, zwei volle Stunden lang bis in die tiefe Nacht hinein die Filmchronik des Metallerstreiks (und der ihn begleitenden Aussperrung) vom Frühjahr 1978 zugeschaut haben – und das ist ein Jammer.

Ein Jammer, daß Programmverantwortliche eine zur Diskussion unter den Arbeitnehmern einladende Darstellung der Gewerkschaftsarbeit vor Ort zu einer Zeit ausstrahlen ließen, in der die Zielgruppe, ein paar Millionen Menschen immerhin, nun ganz bestimmt nicht zuschauen konnte. Sendungsschluß um 0.45 Uhr – ein idealer Termin, in der Tat, für die Werktätigen in der Fabrik!

Ein Jammer, weil hier zu lernen war, mit wieviel Geduld und Intelligent, wieviel Einsicht (ins Machbare) und Hoffnung (auf künftig zu Verwirklichendes) Demokratie praktiziert wurde.

Im Einverständnis mit den Betroffenen (der passivische Ausdruck ist falsch: die auftretenden Gewerkschaftler von der IG Metall waren Darsteller und keine Dargestellten) verfolgte ein Kamerateam die einzelnen Phasen des Streiks, vom verheißungsvollen Beginn – lachende Menschen, die untergehakt in langen Reihen zum Werktor marschierten – bis zum Ende voll Resignation, dem Verläppern in allgemeiner Lethargie: Da kannst halt nichts machen, Kollege. Statt sich, wie üblich geworden, auf eine tour d’horizon einzulassen und überall sekundenweise hineinzuschnuppern, hier ein Diskussionsfetzchen, dort ein Statementsatz und dazwischen viel malerische Atmosphäre mit Morgennebeln und Bierflaschen... Statt überall und nirgends, zu sein, blieben die Filmemacher seßhaft, schlugen ihr Hauptquartier bei Bosch in Reutlingen und dem nahegelegenen Rommelsbach auf und spiegelten die Streikphasen aus der Perspektive einer kleinen, für die Gewerkschaftsarbeit im Betrieb verantwortlichen Funktionärsgruppe. Spiegelten sie, indem sie die Debatten über drei Grundforderungen (Einkommensverbesserung, Fortfall der beiden untersten Lohngruppen, zwiefache Absicherung gegen das durch die Automation bedingte Herunterstufen der Werktätigen) am sinnvollsten Punkt, dem Focus, festmachten: dort, wo die Wünsche der Basis mit den Strategien der Führung zusammentreffen – wo sich das Mit- und Gegeneinander von entschiedenem, vor Ort entwickelten Plan und bescheidener Realisierung der Einzelforderungen nachweisen läßt; wo die Unten-Oben-Dialektik sich in Gesprächen versinnlicht: Wie denkt einer, dessen Kollegen sein Meister morgens die Prozent-Tafel vorhält zwanzig Prozent Nacharbeit, Freund, so geht das nicht weiter) und der zu gleicher Zeit mit dem Verhandlungsführer Franz St. empfinden muß: wie müde und erschöpft der ist – und wie verständlich sein Einlenken am Ende.

Zwei Stunden lang Debatten einer Zwischen- und Mittelschicht: aktualisiert durch eine Konfliktsituation. Zwei Stunden lang Diskussionen, die, kollektiv und offen geführt, zugleich den Punkt sichtbar machten, wo die autoritäre Entscheidung beginnt und die konkreten Sorgen (siehe die Prozent-Tafel in der Hand des Meisters) sich in abstrakte, in ein Geschäft einzubringende Begriffe verwandeln. Je höher die Position, dies zeigte der Film, desto größer die Verführung zum Finassieren, zum taktischen Kalkül und zur Ideologie des "Ans-große-Ganze-denken-Müssens". Je tiefer unten, desto plastischer die Rede und desto unverstellter der Blick: Weit weg die Verhandlungsgruppe in Stuttgart, deren Positionen man mühsam umsetzen muß, bis aus Chiffren Pfennigbeträge, Wegstrecken, Ferientage und durchwachte Nachtstunden werden.

Ein Film von der Dramatik eines Theaterstücks: mit Funktionären, die präziser als Mitglieder eines Kronrats argumentierten. (Die "Wallenstein"-Dialoge wirken, mit den Debatten über die Grenzen des Taktierens und die Notwendigkeit eines betrieblichen Syndikalismus verglichen, wie Comic-strip-Blasen.)

Ein Film auf zwei Ebenen, den Dialogen im Werk und dem Selbstgespräch eines Bereich-Funktionärs, der, zwiespältig wie ein Schillerscher Held, basistreu dachte und führungstreu argumentierte – ein Film, dem etwas Einzigartiges, bisher noch nie Erreichtes gelang: einen Streik, mit seinem Wechselspiel von Emphase und Katzenjammer (wieviel Hoffnung am Anfang – und am Schluß: die wichtigsten, weil grundsätzlichen Positionen geräumt!), aus dem Bereich der Aktion in den Bereich der Gedanken, Hoffnungen, Zweifel und das gewaltige Plus von Kalkül und Diskurs im Verhältnis zum Zwei-Wochen-Handeln in Blickfeld zu rücken: wie sich da, sehr langsam, etwas vorwärtsbewegt, und dann wieder zurück und dann noch einmal vorwärts, das man als Prozeß einer Bewußtwerdung bezeichnen kann. Bewußtwerdung der eigenen Situation im Rahmen des gesellschaftlichen Gesamt. Und so ein Film läuft nun um Mitternacht!