Von Heinz Josef Herbort

Ursprünglich hatte es ein Zyklus werden sollen, der dabei mithalf, wenn sich "God’s own country" anläßlich seiner Zweihundert-Jahre-Unabhängigkeit (1976) ein bißchen von innen betrachtete und nach außen darstellte. Aus welchen Gründen auch immer: der Komponist brachte seine Pläne und den Auftrag seiner Regierung nicht termingerecht unter einen Hut. Teile kamen dann später in New York bei einem Konzert heraus, anderes verzierte den Galaabend bei Jimmy Carters Amtseinführung, das komplette Werk war im Oktober 1977 uraufführungsreif, nun liegt es auf einer Schallplatte vor, und der Bayerische Rundfunk produzierte es als Europäische Erstaufführung für das Fernsehen: "Songfest – ein Zyklus amerikanischer Gedichte" von Leonard Bernstein.

Zweihundert Jahre Unabhängigkeit – das waren auch zweihundert Jahre Suchen nach der eigenen Kultur, und je weiter die Zeit fortschritt, desto stärker nahm das Suchen hektisch-neurotische Züge an: Das Profil wollte sich von den Vorbildern aus Europa und Afrika nicht abheben. Am schwersten taten sich unter allen Künstlern wohl die Musiker: Das abendländische Tonsystem und die schwarzafrikanische Affinität zu rhythmischen Strukturen waren allenfalls zu kombinieren oder zu verschmelzen, aber nicht zu ignorieren. Aus der Not eine Tugend machen hieß zweihundert Jahre die Parole: Eklektizismus nicht als abschätziges Urteil, sondern als Programm. Pluralismus – dieses scheinbar Wunder verheißende Etikett einer fast grenzenlosen Liberalität, die jedem seine Irrungen beläßt und mit Wirrungen sich schmückt, wird zur positiven Umschreibung einer Richtungslosigkeit und zum Mäntelchen, das verschämt den Qualitätsmangel umgibt. Charles Ives und John Cage sind nicht einmal die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Je eklektischer, desto amerikanischer – heißt rigoros verkürzt das Credo des Komponisten Leonard Bernstein. Und "Songfest" ist, in diesem Sinn, ein höchst amerikanisches Kunstprodukt. Dreizehn Gedichte aus drei Jahrhunderten, von dem Liebesgedicht der frühkolonialistisch-puritanischen Anne Bradstreet ("Drum laß in Liebe uns fortan so streben, daß nach dem Tod wir ewig weiterleben") über die Wort- und Gedankenspiele der Gertrude Stein bis hin zu der Selbstbetrachtung der zwischen Rolle und Emanzipation hin- und her gerissenen Puertoricanerin Julia de Burlos ("Ich gehöre keinem und allen, ja allen gebe ich mich hin mit meinen reinen Zügen, meinem Denken"), von der Naturpoesie Edna St. Vincent Millays über die traurigen Blicke zurück auf eine frühe Liebe von Ferlinghetti bis zu Walt Whitmans Gedicht über seine geheime Homosexualität, von der zornigen Identitätssuche eines Farbigen, Langston Hughes, und dem spöttisch nach dem neuen Selbstverständnis der Farbigen fragenden Pendant von June Jordan über das selbstzufriedene Bohème-Lob von e. e. cummings bis hin zur der blasphemisch-selbstironischen Hymne "Laßt uns etwas Großes tun, nur dies eine Mal etwas Kleines und Wichtiges und Unamerikanisches" von Frank O’Hara.

Der Schnitt durch das künstlerische Amerika ist in seiner glorifizierten Vergangenheit steckengeblieben. Bis auf die Frage nach der Position und Rolle des Farbigen – und die stellt sich ja auch nicht erst seit gestern – hat Bernstein klug und fein ausgeklammert, was sich zwar im jüngeren Amerika artikuliert, was aber eher schmutzige Streifen als glitzernde Sterne auf die Jubiläums-Weste bringen könnte. Zivilisationsneurosen und politische Interventionen, Umwelt und Drogen, Arbeitsplatz und Sektierertum – das alles ist offenbar, verglichen mit zweihundert Pionierjahren, eine quantité négligeable, und in eine Jubelkantate paßt der Protest nicht hinein, der Skeptiker hat dort gerade noch das Recht auf eine Alibifunktion,

In dem obengenannten Sinne "amerikanisch" ist auch die Musik der dreizehn Gedichtvertonungen: Lied, Song, Chanson, Arie, Melodie – die Formen und Strukturen wechseln ständig. Als Solo, Duett, Trio oder Sextett entsprechen die Besetzungen keineswegs immer den Inhalten, sonden stellen sich gelegentlich bewußt quer – etwa in dem sehr privaten Liebesbekenntnis der Anne Bradstreet, das hier einem Frauenterzett übertragen ist,

Eine Mischung, aus Music-Hall-Show-Business und intelligent-phantasievollem Instinkt für Nuancen und dialektische Kommentare. Da werden mit überraschend naiver Unbekümmertheit Jazz und Zwölftontechnik gemixt – die Jazzer werden es für eine gute Dodekaphonie halten, und die Schönberg-Schule mit Händen und Füßen wippen. Da kommen blues-feeling und eine Art religiöser Inbrunst zusammen mit lyrischer Sentimentalität und großem orchestralen Pathos, da stehen geschickte subtile Instrumentationen unmittelbar neben plakativ direkten, da versteckt sich hinter einer Understatement-Anspruchslosigkeit missionarischer Eifer und ein unerschütterliches Selbstvertrauen. Kurt Weills sparsame Klangkombinationen werden adaptiert und Paul Hindemiths Harmonik, ein bißchen Folklore eingepaßt und viel rhythmisches Feuer. Und immer wieder glänzende Schlußwirkungen – als lässig hingeworfene Melodie-Aphorismen wie als brillant gesteigertes schmissiges Orchestertutti.