Eine Tendenz im Bauen bricht mit den formalen Tabus der Machtdarstellung

Von Vittorio Magnago Lampugnani

Vier Ereignisse sind es vor allem, die eine inzwischen leidenschaftlich diskutierte Entwicklung in der Architektur der letzten Jahre markieren. Das erste geschah 1970: Der italienische Architekt Aldo Rossi baut im Quartiere Gallaratese am Rande von Mailand ein streng geometrisch organisiertes Wohngebäude auf schmalen, dicht nebeneinander gereihten Betonpilastern. Ein Teil der Presse kommentiert das Ereignis als den Beginn einer "rational-faschistischen" Architektur.

1976: Der Architekt Giorgio Grassi, ebenfalls Italiener, entwirft (zusammen mit Antonio Monestiroli) ein Studentenheim in Chieti, eine strenge Komposition messerscharf geschnittener, scheinbar entmaterialisierter Blöcke, die in ihrer Mitte eine von hohen Arkaden bestimmte "Agora"-Straße bilden und durch ein flaches horizontales Podest von der Landschaft abgehoben sind. Der Entwurf wird preisgekrönt und soll in Kürze gebaut werden. Man spricht von unmenschlicher Architektur, von einem faschistischen Revival.

1977: Der englische Baumeister James Stirling gewinnt den ersten Preis im Wettbewerb um die Erweiterung der Staatsgalerie in Stuttgart. Sein Projekt wird als faschistoide Machtarchitektur abgekanzelt.

1978: In Mailand wird nach zähen Auseinandersetzungen eine umstrittene Ausstellung eröffnet. Das Thema: Der Rationalismus und die italienische Architektur während des Faschismus.

Diese geraffte Chronik zeigt erstens, daß sich im Bauen allmählich eine Strömung herausbildet, die etwas anderes will als der mißhandelte Funktionalismus unserer Tage oder die verschiedenen anderen, mehr oder weniger salonfähigen architektonischen Richtungen, der Stilpluralismus eingeschlossen. Sie zeigt zweitens, daß diese Strömung Eigenschaften zeigt, die mit der faschistischen Regime-Architektur in Beziehung gebracht werden. Was ist an dieser beliebten Koppelung nun Warnung, was ist Infamie?