Von Anatol Johansen

Sie sind monatelang zu zweit in zwei winzigen Zimmern eingesperrt. Sie müssen ein umfangreiches und schwieriges Arbeitsprogramm minutiös erledigen, dazu zwei bis drei Stunden täglich eine schweißtreibende Gymnastik bis zur Erschöpfung absolvieren, alles bei minimalen sanitären Einrichtungen: Ein solcher Zwangsaufenthalt, noch dazu ohne jeden Ausgang, erinnert fatal an eine Gefängnishaft unter erschwerten Bedingungen.

Und doch wurde ein solcher Zellen-Aufenthalt in den letzten Wochen als Heldentat gefeiert – allerdings nur, weil er in den Kosmos verlegt worden war: Der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnjew rühmte den 140tägigen Raumflug der beiden Kosmonauten Wladimir Kowaljonok und Alexander Iwantschenkow an Bord der Raumstation Saljut 6 als "gewaltigen Sieg der sowjetischen Wissenschaft und des Heldentums der Sowjetmenschen".

Bei so viel Pathos angesichts des längsten Raumflugs aller Zeiten verloren auch im Westen einige Beobachter den Boden unter den Füßen und gerieten ins schwerelose Schwärmen. Sowohl von deutschen Bildschirmen als auch von einer führenden Tageszeitung wurde sogleich die Mär verbreitet, die Russen seien nun dabei, sich die besseren Voraussetzungen für den bemannten Vorstoß zum Mars zu verschaffen. Sozusagen als Rache für den verlorenen Wettlauf zum Mond würden sie nunmehr vor den verblüfften Amerikanern zum Mars stürmen, um als Zeichen für die Überlegenheit des sozialistischen Systems auf dem roten Planeten ihr gleichfarbenes Banner aufzupflanzen.

Eine derartige Hektik ist jedoch im Weltraum mitnichten zu erwarten. So erklärte erst kürzlich Boris Petrow, eines der führenden Mitglieder der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften, daß Moskau im nächsten Jahrzehnt durchaus nicht an eine Entsendung von Kosmonauten zum Mond oder Mars denke. Im Vordergrund stehe vielmehr die ausgiebige Nutzung von Raumstationen. Kosmonaut Vitalij Selwastjanow fügte dem hinzu, daß man an Plänen für neue, größere Raumstationen arbeite, die in etwa zehn Jahren einsatzbereit sein könnten. Als Zubringerfahrzeug wollen die Sowjets, wie jetzt bekannt wurde, eine dem amerikanischen Space Shuttle ähnelnde Raumfähre einsetzen.

Noch weniger dramatisch sieht der Chef der amerikanischen Luft-und-Raumfahrt-Behörde NASA, Robert Frosch, die Situation. Er glaubt kaum daran, daß die Vereinigten Staaten noch in diesem Jahrhundert irgend jemand auf die Zwei-Jahres-Reise zu unserem Nachbarplaneten in Marsch setzen. "Wenn überhaupt jemand irgendwann einmal dahinfliegen wird", so Frosch, "dann nur, wenn sich herausstellt, daß wir nicht alle Auskünfte, die wir brauchen, auch mit unbemannten Geräten bekommen können."

Die Orbit-Euphorie, die bei der NASA noch zur Zeit der ersten Mondlandung herrschte, hat sich in Washington längst verflüchtigt. Damals war im NASA-Hauptquartier die, Rede vom Post-Apollo-Programm – eine unglückliche Bezeichnung, wie seinerzeit das zur Mitarbeit aufgeforderte deutsche Forschungsministerium befand, das alsbald mit dem neugeschaffenen Begriff "Apollo-Nachfolge-Programm" die Bedrohung entschärfte, des Englischen nicht mächtige Zeitgenossen könnten mit einem philologischen Irrläufer ausgerechnet die dynamische bemannte Raumfahrt bei der Post-Verwaltung ansiedeln. Wie auch immer: Dieses Programm sah einen völlig wiederverwendbaren Raumtransporter (das Space shuttle) sowie eine große, für sechs bis zwölf Mann ausgelegte Raumstation vor, die mit Hilfe des im Pendelverkehr eingesetzten Shuttle laufend versorgt werden sollte. Die Kosten für den Transport von Nutzlasten ins All, so orakelten die Raumfahrt-Auguren, würden auf ein Hundertstel der damals geltenden Preise fallen. Die großen, bemannten Inseln im All hingen sozusagen schon über den Wolken.