Von Manfred Sack

Sechs Zeitungsartikel, Ende der fünfziger Jahre im Berliner "Tagesspiegel" erschienen, schließlich zwischen zwei biegsamen Buchdeckeln versammelt, anschaulich gemacht durch thematisch gegliederte Konvolute von außerordentlich beweiskräftigen Photographien, pointiert mit ebenso mitteilsamen wie kessen Zitaten, Zahlen, Berliner Bonmots, schließlich versehen mit dem ebenso traurigen wie reißerischpolemischen Titel "Die gemordete Stadt" und 1964 als Buch herausgebracht – sie haben damals eine Menge Furore gemacht. Für unsere nicht übertrieben lesegierige Nation verliehen ihm alsbald drei Auflagen mit zusammen fünfzentausend Stück die Aura eines Bestsellers. Nun ist das Buch, nachdem es viele Jahre lange vergriffen war und, wie man hört, in Antiquariaten zu Preisen um achtzig Mark gehandelt wird, zum viertenmal neu herausgebracht worden –

Wolf Jobst Siedler, Elisabeth Niggemeyer, Gina Angreß: "Die gemordete Stadt – Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum"; F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München, 1978; 200 S. Abb., 38,– DM.

Es war damals, mit bewundernswert prophetischer Treffsicherheit, in eine Zeit höchst aggressiver Kritik am stadtzerstörerischen Städtebau geplatzt. Wenig vorher nur war Jane Jacobs’ warnende Untersuchung über "Tod und Leben großer amerikanischer Städte" auf deutsch erschienen, in derselben Reihe, den "Bauwelt-Fundamenten", war auch Werner Hegemanns frech geschriebene, unverhofft aktuell wirkende Städtebaugeschichte über "Das steinerne Berlin" von 1930 wieder aufgelegt worden; kurz danach kam Mitscherlichs aufwiegelndes Pamphlet über "Die Unwirtlichkeit unserer Städte" heraus. Selbst von Konrad Lorenz’ gesammelten Aufsätzen "Über tierisches und menschliches Verhalten" fühlten sich die geprügelten, nun unsicher werdenden Stadtplaner aufgerufen, etwa aus der Parallele von Graugans und Mensch Schlüsse für eine angenehmere Umwelt zu ziehen.

Drei Journalisten, ein Psychosomatiker, ein Verhaltensforscher lasen den Bauexperten die Leviten, lauter Außenseiter – der einzige Architekt in dieser Versammlung aufsässiger und aufklärerischer Autoren in der ersten Hälfte, der sechziger Jahre war der Amerikaner Kevin Lynch, der nun auch auf deutsch ("Bauwelt-Fundamente" 16) klarmachte, auf welche Weise die Stadt visuell auf den Menschen wirkt. Hinterher wälzte sich eine heute noch schäumende Flut einschlägiger kritischer und theoretischer Literatur, ohne allerdings noch so zu wirken, wie es Mitscherlich in seinem Untertitel gewünscht hatte: als "eine Anstiftung zum Unfrieden".

"Die gemordete Stadt" war eine "Anstiftung" – man möchte eigentlich, daß sie noch eine sei. Doch es hat sich die Zeit, und es hat sich das Buch geändert. Es ist um Zwei lokalpolitisch inspirierte – und lokalpolitisch berechnete – Aufsätze vermehrt worden, es kommt steifleinen daher (weil, wie’s heißt, die Buchhändler es so wünschten), es ist etwas teurer, in der graphischen Aufmachung vergröbert. Und leider ist es viel schlechter gedruckt als seine Vorgänger: Die Bilder sind schwärzer, die zarte, ausdrucksvolle Zeichnung in den Schatten und in den Lichtern der Photos ist verschwunden, und damit auch etwas, das man den Charme oder das Poetische nennen könnte. Die früheren Büchermacher jedenfalls waren sensibler.

Wenn man dies aber beiseite läßt, und wenn man auch der mit dem zuständigen Berliner Landesminister für das Bauen und Wohnen sowie einem gewandt lobredenden Architektur-Professor leicht überbesetzte und ein bißchen zu geschickt inszenierte Präsentation im Berlin-Museum nur die minimalste Aufmerksamkeit schenkt, bleibt die Beobachtung, daß dieses Buch beinahe so aufregend, ganz gewiß aber so gefährlich, wie ehedem geblieben ist: dies, weil es den Sentimentalen den Glauben an ihr Mißverständnis stärkt, die Stadt müsse um ihrer verloren gegangenen Geschichtlichkeit willen nun (mit freundlicher Denkmalschützer-Hilfe) nach Kräften wieder veraltet und auf Teufel komm ’raus rekonstruiert werden; das erste, weil es jetzt, beinahe zwei Jahrzehnte nach der Niederschrift, aktuell geblieben ist und weil es, ärger noch, deutlich macht, daß das Echo auf die Kritik lange braucht und oft verschwommen ankömmt und daß Umdenken sehr, sehr lange dauert.