Von Gabriel Laub

Es gibt Leute, geborene Abenteurer, die immer und überall Abenteuer erleben. Mal reißen sie im letzten Moment das Lenkrad nach rechts und entgehen so dem sicheren Tod, mal versucht sie eine umwerfend dämonische Brünette zu verführen (männlich); sportliche Millionäre verfolgen sie mit Heiratsanträgen (weiblich); sie kaufen irgendwo im Orient einen Riesendiamanten für einen abenteuerlich niedrigen Preis (männlich und weiblich). Ich beneide diese Leute, weil mir nichts dergleichen passiert.

Was habe ich schon erlebt? Einmal Krieg, bei dem ich nicht einmal eine Waffe in der Hand hatte. Zweimal Flucht, dreimal Emigration, lebe im vierten Land und in der vierten Sprache – alles Dinge, die im zwanzigsten Jahrhundert passieren können.

Nicht einmal im Gefängnis war ich, nur schäbige sechzehn Monate als "Sondersiedler" am Ural, wo es sogar in dieser kurzen Zeit zweimal Fleisch gab. Auch Liebesabenteuer hätte ich keine, weil ich mich immer mit Frauen zufrieden gab, die sich mit mir zufrieden gaben. Wenn ich es so überblicke, das Abenteuerlichste in meinem Leben waren die Versuche, dem Abenteuer zu entgehen.

Sie kennen doch den: Kohn und Grün treffen sich auf irgendeinem internationalen Flughafen und unterhalten sich über das Schicksal ihrer gemeinsamen Prager Bekannten. "Was macht der Blau?" "Blau? Der ist in Brasilien, fängt im Dschungel Giftschlangen." "Hast du was von Roth gehört?" "Ja, der ist in Australien, sucht nach Diamanten." "Und Mimosenduft, was macht der?" "Der? Der ist in Prag geblieben und leitet einen Fleischerladen." "Na ja, er war schon immer ein Abenteurer!"

Auch auf diese Art von Abenteuer habe ich mich nicht eingelassen. Ich bin wahrhaft kein Abenteurer. Ausgenommen, daß ich ab und zu Roulette spiele, aber nur mit geringem Einsatz. Per Saldo bin ich bislang mit etwa 180 Mark im Gewinn. Zum Abenteurer muß man halt geboren sein.

Andersrum aber – sind wir nicht alle geborene Abenteurer? Als größte Abenteurer müßte man die Neugeborenen bezeichnen, wenn sie freilich aus eigener Initiative zur Welt kämen. So wie es heute gehandhabt wird, werden sie zu Abenteurern wider Willen. Sie kommen ins Leben, das ein Abenteuer mit garantiert tödlichem Ausgang ist. Sie werden in eine Welt geworfen, die nicht die ihre ist – weder von ihnen geschaffen, noch ihnen angepaßt. Sie kriegen als Eltern wildfremde Menschen, die sie sich nicht ausgesucht haben ...