Es wird kaum einen Historiker geben, der nicht einmal versucht gewesen wäre, Geschichte vom Ende her zu erzählen. Wenn Bestimmung des eigenen Standorts, wenn Erklärung der Gegenwart aus der Vergangenheit eine seiner wichtigsten Aufgaben ist, sollte er sie nicht besser lösen können, indem er die Kette der Ereignisse zurückverfolgt? Im Ernst versucht hat es indessen bisher noch keiner. Es gehören nämlich nur einige Augenblicke der Überlegung dazu, um einzusehen, daß der Verzicht auf die Reihenfolge zugleich der Verzicht auf die Erklärung ist und alle Geschichte sinnlos macht. Das Leben beginnt nicht mit dem Tode, ein Krieg nicht mit dem Friedensschluß, der Witz nicht mit der Pointe. Wer immer eine Geschichte erzählt, weiß das. Er mag das Ergebnis vorwegnehmen, sogar die Zeiten gegeneinander verschieben, im Zusammenhang erzählen kann er nur der Reihe nach.

Die Richtigkeit dieser alten und überaus einfachen Erkenntnis noch einmal bewiesen zu haben, ist das einzige Verdienst der neuesten, soeben mit viel Aufwand auf den Markt geworfenen deutschen Geschichte von

Hellmut Diwald: "Geschichte der Deutschen"; Propyläen Verlag Ullstein, Frankfurt, 1978; 765 S., 48,– DM.

Der Erlanger Professor, einer größeren Öffentlichkeit als Biograph Wallensteins, als Verfasser des ersten Bandes der Propyläen Geschichte Europas und neuerdings auch als Fernsehhistoriker bekannt, war immer für eine Überraschung und für manchen Kalauer gut. Nie aber hat er sich so bloßgestellt wie mit diesem Buch. Dabei gehört das von ihm so genannte "gegenchronologische Verfahren" noch zu den läßlicheren Verfehlungen.

Er hält es nicht einmal ein. Statt wie versprochen mit der Gegenwart beginnt er mit der Konferenz von Jalta, die nun ein volles Menschenalter zurückliegt. Die Abweichung von der selbstgemachten Regel schon auf der ersten Seite belegt nicht nur die Unanwendbarkeit des Verfahrens, sie hat auch Methode. Sie gestattet, willkürlich einen Punkt zum Ursprung der Gegenwart zu ernennen. Und wer mit Jalta anfängt, braucht außerdem nicht zu erklären, wie es dazu kam.

Gleichsam von Zauberhand gerufen, saßen dort, "zwischen Feigen- und Mandelbäumen", im Februar 1945 "drei alte Männer" an wohlgedeckten Tischen und beschlossen "zwischen Hauptgericht und Dessert, Tellern und Krümeln", "Deutschland zu zerstückeln". Das ist nicht nur aus dem Zusammenhang gerissen, es ist auch schlicht falsch. Das sogenannte "dismemberment", die Zergliederung Deutschlands in verschiedene Staaten, war zwar in Teheran und Jalta ausführlich erörtert, aber eben nicht beschlossen worden. Beschlossen wurde lediglich die Aufteilung in Besatzungszonen.

Diese Wahrheit vergräbt Diwald unter wortreichem Beiwerk. Blumig schildert er die besonnte Schönheit des Ortes, kontrastiert sie effektvoll mit dem winterlichen Elend der Flüchtlings-Trecks, bis ins kleinste beschreibt er die Menüs, als ob bei anständigen Konferenzen Kommißbrot gereicht würde, gehässig karikiert er die Personen, allen voran Roosevelt ("Illusionist welthistorischen Formats"), der die Spaltung Europas "zu verantworten" hat – und das ist der andere Teil der Methode dieser deutschen Geschichte. Sie unterstellt statt zu argumentieren. Die Urteile bleiben ohne Begründung. Die überflüssigen Einzelheiten aber geben dem Leser unterschwellig zu verstehen, was er denken oder besser fühlen soll.