Als "schwarze Oper" verstand der Komponist selber sein Stück. Bilder ohne eigentlichen Handlungsfaden, Szenen ohne Helden, Erzählungen mehr als Aktionen. Berichte über das, was sich abspielt im Lager, in Sibirien – in einem Totenhaus; Berichte darüber, wie Menschenwürde, Freiheit, Leben zu einem Nichts zertreten werden, wie Schuld in einem Menschen nachwirkt und Mitleid einen frißt, wie das Gewissen sich rührt und Macht einen verdirbt, wie eine Ausnahmesituation das Kleine groß und das Große klein werden läßt.

"In jeder Kreatur ein Funke Gottes" – dieser Glaubenssatz des Komponisten Leos Janáček steht als Motto über der Partitur seiner letzten Oper "Aus einem Totenhaus". In jeder Kreatur? Also doch Hoffnung? Oder Mahnung? Götz Friedrich sieht es in seiner Zürcher Inszenierung von Janáčeks Dostojewskij-Adaptation anders. Von Hoffnung ist da nichts zu sehen und auch nichts von Appell. Eher von Resignation: Die Bessergestellten sind halt doch etwas gleicher. Und von Ekel: vor der blinden Naivität des Bürgers, der mit den Gequälten feiert, frißt, säuft, sich amüsiert; vor der kalten Verachtung, die die mit Peitsche und Uniform Ausgestatteten gegenüber der ihnen ausgelieferten Masse Unterwürfigkeit offenbaren; vor dem Zynismus der Schreibtischtäter, die heute durch Unterschrift beinahe morden und morgen glauben, ihre Paraphe wieder zurückziehen und Geschehenes tilgen zu können. In ihnen allen, den Henkern und den Opfern, ist der Funke Gottes erloschen.

Natürlich kommt auch Friedrichs realistisches Theater nicht an dem Handikap vorbei, das Janáčeks eher episches Werk mitliefert. Aber das wenige an Geschehen reicht ihm, um sinnfällig die Situation zu kennzeichnen, und mit einem Raffinement, das er lange nicht mehr so konzentriert zeigte, überzieht er für einen Moment seinen Realismus und definiert dadurch die hinter der Szene liegende Wirklichkeit, die Mechanismen eines Systems, das außer sich selber nichts mehr kennt.

Josef Svoboda baute für diese Bilder von Verzweiflung und Aufbegehren die Szene zwischen zwei "Wände" aus gespannten Drähten. Unentrinnbarkeit wird so zu ständiger Bedrohung. Das Eisenbahngleis, an dem die Gefangenen arbeiten wie eine Horde von Sisyphussen und das vor der Aufführung bereits in den Orchesterraum und den Zuschauern entgegenstarrt, führt am anderen Ende in das Nichts einer totalen Schwärze, aus der auch nicht mehr als nichts zu erwarten ist.

Musikalisch vielleicht noch eindrucksvoller ist die Aufführung durch die Konzentration und Intensität, mit der Bohumil Gregor sie leitet. Janáčeks Musik hat ja wenig Chancen, sich in den Ohren des Abonnement-Publikums festzusetzen, ihre Aphoristik wie die verfremdete Folklore, die mit Bartók verwandte, zwar motorische, aber doch unregelmäßige Rhythmik, die zwischen antipodischen Extremen verlaufenden, labyrinthischen melodischen und harmonischen Gefüge – das gibt sich spröde und will sich nur schwer mitteilen. Gregor geht die Sache mit Verve an, strukturiert mehr nach den Empfindungen als nach der Form, schärft die Klänge immer expressiv auf und drängt auf rhythmischen Elan. Dazu ein Ensemble ohne Fehl.

Aber Oper wäre nicht Oper, demonstrierte sie nicht ständig ihre eigene Paradoxie und ihre im Grunde unfaßliche Äußerlichkeit Da ist nun zwei Akte lang die Rede von getretener Menschenwürde und mißbrauchter Macht, von Freiheitsberaubung, Zwängen und Folter. In der Pause dann registriert man, daß zwar das Büffet von Eis mit heißen Himbeeren schnell geräumt ist, daß aber der Broschürenstand von amnesty international so gut wie unberührt blieb. Nur ein schweizerisches Problem?

Heinz Josef Herbort