Ein Mann mit Hut steigt ins Orchester. Wieso mit Hut? Ist das der Dirigent? Freundlich verlegener Beifall. Da nimmt der Mann Hut (samt Perücke) ab: "Ich bin gar nicht der Kapellmeister. Ha! Reingefallen! Ich bin Detektivagent Fix von Scotland Yard." Er greift in die Manteltasche. Kein Ballermann kommt raus, sondern ein "rotes Telephon". Zwei Sanitäter stürzen auf die Bühne: Zwischen sich, auf der Tragbahre, ein bandagiertes, blutverschmiertes Bündel Mensch. Das hat Kraft noch zu den Worten: "Wenn ich den erwische, der mich mit einem Telephon zusammengeschlagen hat! Nur, weil ich seine Lieblingsmelodie nicht spielen wollte: "Tatütata!" – und beginnt im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg die Ouvertüre zu dirigieren zur Uraufführung der Schauspiel-Zirkus-Musical-Revue-Operetten-Show von Jérôme Savary "In 80 Tagen um die Welt", nach dem Roman von Jules Verne (Text: Jérôme Savary, Bernd Wilms; Musik: Joachim Kuntzsch; Bühnenbild: Michel Lebois; Kostüme: Michel Dussarrat; Choreographie: Dick O’Swanborn).

Vom ersten Augenblick an ist klar: In dieser Weltreise für Aug’ und Ohr auf den Spuren des Science-fiction-Fabulierers Jules Verne (1828 bis 1905) werden wir mit "Erkennungsmelodien" abgespeist. Kommt der "Held" Phileas Fogg, der mit englischen Freunden gewettet hat, die Welt in 80 Tagen umrunden zu können, nach Indien, dann kommt uns auch die Musik indisch. Läßt sich unser Brite, steifer als ein Regenschirm, in einer samtroten "chambre séparée" der "Folies Bergère" in Paris nieder, dann dürfen wir sicher sein: die "Damen", die jetzt gleich, kreischend, aus den Kulissen stürmen, lüpfen Rock und Bein zu dem, was deutsche Stadttheater den Abonnenten seit dem Sieg über den welschen Erbfeind 1871 noch immer als "Cancan" anzudrehen wagen. Stapfen der spinnerte Engländer und sein Diener Passepartout im kargen Schatten ägyptischer Pyramiden – Tatütata: da naht es schon auf vier Menschenbeinen, das "Wüstenschiff" genannte Kamel.

Die wild bejubelte Drei-Stunden-Schau hat den Spannungsreiz eines Unterhaltungsabends im ZDF: Man weiß immer schon alles. Die halbe Hundertschaft des Ensembles tummelt sich im ersten von 27 Bildern in wohleinstudiertem Durcheinander auf der Szene, um folgende Wahrheit zu Gehör zu bringen: "Wir sind der vergnügte, sehr beliebte Operettenchor. / Und darum kommen wir unverdrossen in jeder Operette vor." Schon im dritten Bild vertraut die Mannschaft, die den Hamburgern Silvester an Advent beschert, schon nicht mehr dem holden Schwachsinn der Operette sondern dem Tief-Un-Sinn der Dramaturgie: "In 80 Tagen um die Welt. / Die Welt wird auf den Kopf gestellt. / Sie kriegen für Ihr Eintrittsgeld / Im Schauspielhaus die ganze Welt."

Ja, ein Elefant ist auch dabei, und ein Eisbär, Schnee, schöne Mädchen, Chinesen aus Wandsbek, Tiroler aus Eimsbüttel – aber auf den Kopf gestellt? Von der utopischen Sprengkraft des 1872 erschienenen Romans bleibt in dieser schwitzenden Schau, die mal an "Haus Vaterland", mal an die Reeperbahn denken läßt: nichts. Die fröhliche Zerstörungswut der Produktionen von Savarys einstigem "Grand Magic Circus" ist eingebracht in einen "Heiteren Abend" zwischen Pennälerulk und Maskenball.

Und ob ich gelacht habe! Zwar findet zwischen den Hauptpersonen Fogg (Dietrich Mattausch) und der für Hamburg dazu erfundenen Molly (Manuela Alphons: großartig als Chansonsängerin bei ihrem Blues) wenig mehr statt als die Leidenschaftlichkeit zweier einander in die Arme sinkender Kleiderständer; auch bleiben Foggs Begleiter, der Diener (Michael Prelle als gemütlich es erotisches Faktotum), der Detektiv (Dietmar Mues: 1. Preis als Zappelphilipp des deutschen Theaters) zu wenig verbunden mit der Haupthandlung – doch dafür spielen sich Günter König, Michael Rastl, Robert Tillian, Eduard Marks, vor allem aber Axel Bauer in immer neuen Rollen oft nur für wenige, wunderbare Augenblicke ins Zentrum dieses Weihnachtsmärchens für Erwachsene.

Pünktlich um 22 Uhr 14 stellt der von Indianern an den Marterpfahl gebundene Fogg fest: "Es ist 22 Uhr 14: Meine letzte glückliche Minute." Der ist wenigstens gut informiert. Der Zuschauer auf seinem Marterstuhl hangelt sich von Augenblicken erhabener Albernheit über Momente schieren Vergnügens an Schauspielerei durch eine 180-Minuten-Revue, deren Leerstellen in der Erinnerung rapide wachsen. So oder so ähnlich war alles schon in Savarys "richtigen" Operetten ("Pariser Leben", "Périchole") oder seinen phantastischen "Lebenden Bilder (-Böge)n", als die Sache noch Zirkus, nicht Staatstheater hieß. Das ist, trotz allem Jubel, eine Träne wert.

Rolf Michaelis