Akt I

Polizeibericht vom 23. 11. 1978: "Vor dem Portal der Katharinenkirche (Hamburg) setzten sich die Handgreiflichkeiten fort. 20 Extremisten wurden festgenommen."

Zum Bußtags-Gottesdienst 1978 hatte die Katharinenkirche eine Ansprache von Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel angekündigt: "Warum ich gegen die Todesstrafe bin." In die gutbesetzte Kirche hatten sich 25 bis 30 junge Leute eingeschleust, ein Drittel Jungen, zwei Drittel Mädchen. Zu Beginn der Ansprache stürmten sie nach vorn, entfalteten ein Plakat: "Rückverlegung von W. Hoppe – Todesurteil. Sofortige Freilassung von Werner Hoppe!!!" Was Vogel zu sagen hatte, ging im Geschrei der Demonstranten unter. Der Pfarrer bat Vogel, die Ansprache abzubrechen, Vogel lehnte ab. Polizei – wohl 30 Mann in Uniform, unbekannt, wie viele in Zivil – schaffte Ordnung. Erst nach Ende des Gottesdienstes, auf der Straße, wurden die lautesten Schreier verhaftet und mit dem Polizeiwagen abtransportiert, recht so – schien mir, bis ich zum Tatort kam.

Akt II

Im Autoradio hatte ich zufällig die Rede von Vogel und das Geschrei gehört. Was die Schreier wollten, war nicht zu erkennen. Also steuerte ich schleunigst die Katharinenkirche an. Die Menge verließ gerade die Kirche, die Gläubigen die Schreier ernstlich, teils heftig scheltend. Dann aber gewannen die Jungen, mehr noch Mädchen einige Punkte. "Hoppe stirbt! Der wiegt nur noch 47 Kilo", rang sich unter Tränenstürzen ein zerbrechliches blondes Mädchen ab. Ein Junge: "Da predigt Vogel gegen die Todesstrafe und sieht ruhig zu, wie Hoppe stirbt." Das waren keine Krakeeler; denen war es ernst. Eine junge Frau nahm sich des Mädchens an: "Was soll denn aber geschehen?" Antwort: "Der Hoppe muß raus." Jene Frau (eine Sozialarbeiterin bei der BAT), freundlich, aber fest: "Nein, das läuft nicht." "Aber die können ihn doch nicht sterben lassen!" Das machte Eindruck auf die Christen, die gerade vom Gottesdienst kamen. Als die jungen Leute fühlten, daß sie Boden gewannen, wurden sie lauter – zu laut für die Polizei vor dem Kirchenportal. Auf einen Einsatzbefehl stürzte sich ein Dutzend Polizisten auf die Jungen und Mädchen. Als die Polizisten mit geübtem Polizeigriff zwei Mädchen die Arme auf den Rücken drehten und sie in den Polizeiwagen stießen, war die Stimmung umgeschlagen. Jene Frau schrie verzweifelt: "So schafft man Sympathisanten." Vom Elend überwältigt, riß sie ihr Kind an sich, ein kleines Mädchen mit der Plakette: "Atomkraft, nein danke". Als die Menge sich verlief, zürnte sie mehr der Polizei als den Schreiern. Zugegeben, ich war nicht ungerührt.

Akt III

Darf die Polizei mit Jugendlichen so umgehen? In diesem Alter trägt man ja oft schwer am Leid dieser Welt – sind Polizeigriffe da die richtige Lehre? Ich mußte mich daran erinnern, daß schon einmal ein junges Mädchen durch einen Blumenstrauß geschossen hatte, tödlich. Und die Polizeibeamten sehen sicher noch vor sich, wie viele Kameraden in ihrem Blut auf der Straße herumgelegen hatten. Konnte unter den Demonstrierenden nicht auch ein Mörder sein? Mußten nicht die Beamten den Justizminister und alle, die mit ihm kamen, vor jedem Anschlag schützen? – So war ich denn schließlich wieder am Anfang angekommen: Diese gewaltdurchsetzte Unordnung kann nicht zugelassen werden, und die Polizei ist berufen, sie zu beenden. Erschreckt wurde mir nur klar: Zwischen der Hingabe der jungen Menschen an ihren Schmerz über den möglichen Tod von Hoppe und dem Griff zur Waffe liegt eine Wand, so dünn wie Seidenpapier. "Ich bin damals, vor fünf Jahren, aus diesem Zwiespalt gerade noch herausgekommen", sagte mir eine junge Frau, die heute eher wegen ihrer konservativen Gesinnung im Beruf Schwierigkeiten hat.