Von Gisela Stelly

Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen oben gegen unten. Geschichte ist die Geschichte von Körperkrämpfen: oben gegen unten – "wenn ein Umstand eines Tages uns alle das Leben kostet, dann ist es dieser".

"Dieser Umstand": die Spaltung des Körpers, das Verbot des Körpers. "Eines Tages": der Tag scheint zu kommen Kriegsspiele in sogenannten Friedenszeiten werden alltäglich, das heißt öffentlich. Kriegserinnerungen, das größte Manöver, der dritte Weltkrieg – man erfährt, worum es geht: Feindvernichtung auf deutschem Boden.

Die Entwicklung der "sauberen" Atombombe (Neutronenbombe): ein US-Geschenk im Gefolge des Marshall-Plans, das bezeugt: Sachen sind mehr wert als Menschen.

Feindbekämpfung in der Bundesrepublik Deutschland: Es hat damit angefangen, daß man sagte: Gewalt gegen Sachen – ja; Gewalt gegen Menschen – nein. Mittlerweile kommt es mir vor, als sei die Terroristenbekämpfung Alibi für die Aufstellung einer Art Bürgerwehr, deren Aufgabe es ist, zu verhindern, daß Bürger sich wehren gegen die geplante Ausrottung ihres Volkes. Deutschland: Kriegsschauplatz des dritten (ersten) Welt(atom)kriegs? Ich sehe die Zeitungen, die Bilder, reibe mir die Augen: Phantasien? Männerphantasien? Was Klaus Theweleit in seiner großen Untersuchung "Männerphantasien", deren erster Band vor einem Jahr erschien (ZEIT vom 25. November 1977), als den Vorgang männlicher Phantasiebildung beschreibt, wird im jetzt publizierten zweiten Band zum Versuch, die auf die totale Vernichtung zugespitzten Tötungsabsichten unserer Gesellschaften erklärbar zu machen, unter besonderer Berücksichtigung des Faschismus: "Ist der Imperialismus als höchste ... Form des Kapitalismus zu verstehen, so der Rassismus als die intensivste des Patriarchalismus. Dem Imperialismus nach außen entspricht der Rassismus im Inneren des Landes als tödlicher Kampf gegen die ‚Fremdrasse‘ selbst, als forcierter Klassenkampf, als antagonistischer Geschlechterkampf, als Kampf am Leib des Rassisten selbst: ‚Rasse‘ Mann gegen Masse" Lust, Körperpanzer gegen die Wunsch Produktion des Unbewußten."

Klaus Theweleit: "Männerphantasien 2: Männerkörper – Zur Psychoanalyse des Weißen Terrors"; Verlag Roter Stern, Frankfurt, 1978; 564 S., 25,– DM

Phantasie, das ist die Vorstellung von etwas, das du nicht kennst. Männerphantasien – das sind die Vorstellungen von dem sich selbst unbekannten Mann. Phantasien können nur entstehen durch Nicht-Wissen, Nicht-Kennen, Nicht-Erfahren. In seinem ersten Band hat Theweleit die Frauenbilder beschrieben, die entstanden sind als Phantasien von der Frau, der Unbekannten. Unbekannt, weil verboten. Warum verboten? Weil der Mann nicht zum Vergnügen auf der Erde ist, sondern um zu arbeiten. Er hat einen Auftrag zu erfüllen: sich die Erde untertan machen. Der Mensch ist unvollkommen, heißt es. Das ist richtig. Wird der Mann geboren als einer, der sich die Welt Untertan machen will? Offensichtlich hat er andere Wünsche, abzulesen an den Verboten, Körperverboten: alles was "unten" ist.