Von Claus-Ulrich Bielefeld

Literatur auf Schallplatten und (neuerdings) auf Tonkassetten – das Angebot ist umfangreich und kaum überschaubar. Offensichtlich besteht an schallkonservierter Literatur ein großes und (wachsendes?) Interesse, das neben den Schallplattenkonzernen, die dieses Geschäft schon lange betreiben, nun auch renommierte Buchverlage und kleine Unternehmen zu befriedigen suchen. Da wird nicht zuletzt auf Gewinne spekuliert, die in den Bilanzen aufscheinen sollen. Gewinnt aber auch der literaturinteressierte Hörer?

Nachdem ich, über mehrere Tage verteilt, stundenlang gesprochene und gesungene Literatur angehört habe, hat sich weitgehend bestätigt, was ich von Anfang an vermutete. Die Darbietung von Literatur qua Tonträger hat einen grundlegenden Mangel: Sie gestattet dem Hörer nicht, was dem Leser selbstverständlich erscheint. Ein passionierter Leser wird im günstigen Fall über Stunden intensiv und konzentriert sich der Lektüre eines Buches hingeben können. Er kann Pausen einlegen, er kann zurückblättern, er kann die Lesegeschwindigkeit variieren – er kann nachdenken. Und in diesem (unzulänglich geschilderten) Prozeß des Lesens kann er kraft der Imagination und der Assoziation sich eine Welt schaffen.

Anders bei Platte und Kassette: Obwohl der Hörer hier per Knopfdruck den/die Sprecher abhalten und unterbrechen kann, ist er doch als passiver Konsument dem technischen Ablauf weitgehend unterworfen, und er wird feststellen, daß er dem gleichmäßigen Fluß der Sprache und der Gedanken kaum folgen kann. Hören reduziert sich in diesem Fall auf das angestrengte Bemühen, den vermittelten Sinn festzuhalten und möglichst schnell im Kopf zu reproduzieren. Phantasie und abschweifendes (was auch heißt: produktives) Denken haben kaum eine Chance. Meine Hörerfahrung: Das gesprochene Wort, das unablässig aus dem Lautsprecher dröhnt, ist für den Zuhörenden zu "schnell"; bei relativ früh sinkender Konzentrations- und Aufnahmefähigkeit enteilt es dem Hörer, der immer gehetzter sozusagen "hinterherdenken" muß.

Als besonders schwerwiegend stellt sich dieses Problem bei auf Platte festgehaltenen Schauspielaufführungen heraus. "Gestus, Raum, Licht" sind neben der Sprache die konstitutiven Elemente des Theaters. Ironischerweise steht diese Feststellung in einem Beiheft zu einer Schallplatten-Aufnahme von Schillers "Räubern" (Inszenierung: Hans Lietzau). Diese Aufnahme vermittelte mir schon nach wenigen Minuten den Eindruck, in einem dunklen Raum bewegten sich wie zufällig Menschen aneinander vorbei, dabei unablässig bedeutsame, aber schwer verständliche Sätze deklamierend.

Die beispielhafte Inszenierung eines Dramas auf Platte zu bannen, das kann wahrscheinlich man unter dem Aspekt einer historischen Dokumentation sinnvoll sein. Aber dieser Dokumentation müßten dann zumindest ein Probenbuch, aussagekräftige Photos, Kritiken, Auszüge aus wichtiger Sekundärliteratur etc. beigegeben werden. Gerade daran mangelt es jedoch bei den aufwendig verpackten Schallplattenkassetten fast immer: Lietzau fuhrte bei der angesprochenen "Räuber"-Inszenierung Regie, aber wann das geschah (Ende der sechziger Jahre?), wird schon nicht mehr mitgeteilt. Die (nebenbei: teuren) Aufnahmen von Schauspielaufführungen müssen für einen ambitionierten Theaterbesucher eher quälend sein. Was einstmals große Theaterabende gewesen – sein mögen: nun werden sie zu einer passablen Schulfunkfassung verkleinert.

Wie die auf Schallplatte gepreßten Theaterstücke sind auch viele andere Literatur-Platten/Kassetten Produkte einer Ideologie des Aufbewahrens, des geschmäcklerischen Kunstgenusses, des "Getrost-nach-Hause-tragen-(und-Anhören)-Könnens". Die Deutsche Grammophon Gesellschaft bringt in ihrer "Heliodor-Bibliothek" zum Teil sehr alte Aufnahmen "zum Taschenbuchpreis" neu heraus. Die Zusammenstellung der Texte und Aufnahmen wirkt mehr oder weniger zufällig: Will Quadflieg liest beispielsweise auf der einen Seite Rilkes "Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" und einige frühe Gedichte, auf der anderen Seite geht es weiter mit Gedichten von Hölderlin. Auf einer Hermann-Hesse-Kassette gibt es einen Auszug aus dem "Tractat vom Steppenwolf", eine Erzählung ("Die Stadt") und einige Gedichte aus dem Nachlaß. Offensichtlich hat man bei dieser Edition wahllos ins Archiv gegriffen und die gefundenen Bänder aneinander gekoppelt. Ein (Werk-)Zusammenhang kann so nicht entstehen, und auch die beigefügten kurzen Anmerkungen sind nicht sehr erhellend. Über Hölderlin liest man, etwas von "überzeitliche(r) dichterische(r) Mythisierung", von "Dichtertum, das er in seiner ganzen Heiligkeit auf sich nahm"; "er ist der frömmste unter den deutschen Dichtern".