Dieses Buch verdient es, nicht nur gerühmt, sondern gelesen zu werden. Es ist nicht ausdrücklich für junge Leser geschrieben. Die Nachteile dieser Ausdrücklichkeit hat es nicht: weder den jugendfreien Humor, noch den Happy-End-Zwang. Hier werden weder die wildesten Abenteuer eiskalt bestanden, noch schleppen aufgekratzte Identifikationsfiguren portionsweise Realität ins Irreale zurück. Das Buch von

Henning Grunwald: "Neue Beschreibung der Eingeborenen"; Klett-Cotta Verlag, Stuttgart; 79 S., 12,80 DM,

ist vielmehr auch für junge Leser geschrieben, ein wichtiges Buch.

Als ich sechzehn Jahre alt war, entdeckte ich Amerika, nämlich durch die Bücher von Richard Wright, Sherwood Anderson, William Faulkner. Daß Amerika anders war, als ich es mir nach meiner Entdeckung vorstellte, ist nicht von Belang. Es war nach jedem Besuch dort auch wieder anders. Entscheidend ist, daß mich die Bücher neugierig machten: sie kündeten von Menschen, die viel mit mir zu tun hatten, auch wenn sie anders waren. Etwas von dieser Völkerkunde fand ich wieder beim Lesen der "Neuen Beschreibung der Eingeborenen". Der Kontinent, der hier erforscht und dargestellt wird, liegt an der nächsten Straßenecke. Henning Grunwald befindet sich auf der Reise durch die Gesellschaft, der er selber angehört, der wir angehören. Und diese Reise unternimmt er nicht als abgebrühter Profi. Er benötigt weder Lastenträger noch Taucherausrüstung, geschweige denn die Netze der Ironie oder den Ballast der Vorurteile. Sein Staunen nimmt er mit, seinen Fragehunger und seine Verletzlichkeit: Eigenschaften, die uns an der Schwelle zum Erwachsenwerden auszeichnen. Daß sie von den Erwachsengewordenen oft gering geachtet werden und darum verkümmern, stellt Henning Grunwald in seinem Buch dar. Die Verletzlichkeit ist es, vor der sich die Eingeborenen am meisten fürchten. Sie scheint ihnen tödlich zu sein, und viele von ihnen ziehen es vor, im eigenen, selbst geschmiedeten Panzer langsam zu ersticken. In dem Stück "Holzweg aus Plastik" tönt das so: "Damit die Kinder das Beschreiten neuer Wege lernen, werden sie von den Eingeboreneneltern während der großen Ferien auf Spielzeugplaneten geschickt, wo die Natur täuschend ähnlich und unwegsam aufgebaut ist. Auf diese Weise lernen die Heranwachsenden zwar das Schlagen von Schneisen, werden aber, je mehr sie der Spielzeugplanetanpassung erliegen, sich selbst allmählich täuschend ähnlich. Für erwachsen werden sie erklärt, wenn sie es gelernt haben, sich mit sich selbst zu verwechseln. Fortan führen sie das auswegslose Leben ihres Heimatplaneten leicht und gern und meiden geübt die Gefahren der Echtheit."

An diesem Beispiel wird sichtbar, daß Grunwald – und das wäre ein Einwand gegen sein Unternehmen – die Rolle eines Beobachters zwar konsequent übernimmt, daß er aber das Kauderwelsch, das die gepanzerten Eingeborenen bei passender Gelegenheit als Sprachersatz hervorbringen (hier der Jargon der Wissenschaft), aus seiner Betroffenheit gleichsam ausklammert. Das wäre, sage ich, ein Einwand, wenn es nicht Grunwalds eigene Versehrtheit mit darstellte. So aber ist der Autor, zusammen mit dem Leser, ein Eingeborener unter Eingeborenen, ein Fremder unter den entfremdeten Vertrauten. Henning Grunwald erklärt sich solidarisch. Ein schönes Buch, ein wichtiges Buch. Nicht zuletzt sind Typographie und Buchumschlag, beides von Heinz Edelmann, zu loben. Jörg Steiner