Von Marion Gräfin Dönhoff

In Südafrika drangsaliert die Regierung die Schwarzen, Mischlinge und Inder, aber sich selber schadet sie am meisten

Johannesburg, im November

Auf die Frage: "Was hat sich, denn verändert seit Juni 1976?" – also seit dem Aufstand in Soweto, der insgesamt 467 Todesopfer forderte und allen Weißen das Blut in den Adern gerinnen ließ – bekommt man in Südafrika heute zwei verschiedene Antworten. Die Weißen sagen: "Wir hätten uns nie vorstellen können, daß in so kurzer Zeit so vieles so anders wird." Die Schwarzen, gleichgültig, ob man mit Intellektuellen, mit den Führern der einzelnen Gruppen oder mit dem "schwarzen Mann auf der Straße" spricht – sie alle antworten: "Nichts wirklich Grundsätzliches hat sich geändert, es sind nur unwesentliche Korrekturen vorgenommen worden."

Beide Antworten sind nach dem subjektiven Verständnis der Befragten durchaus zutreffend. Typisch ist ja gerade, daß die Bilder sich nicht decken. Die Weißen vermeinen, die freie Welt an vorderster Front gegen den Kommunismus zu verteidigen, weswegen sie denn auch nicht verstehen können, daß der demokratische Westen sich nie mit ihnen wird solidarisieren können, solange sie sich dem Apartheidsystem verschreiben. In ihren Augen hat sich unendlich vieles verändert: Es gibt mehr schwarze Gäste in Restaurants und Hotels; in manchen Theatern sitzen Schwarze neben Weißen; in der Metallindustrie wurde die Jobreservation abgeschafft.

Ich war bei Siemens, die in Südafrika acht Fertigungsstätten haben. Die Belegschaft besteht aus 46 Prozent Weißen, 42 Prozent Schwarzen, 12 Prozent Mischlingen. Im Jahr 1966 waren die Schwarzen nur in den fünf untersten Lohnstufen vertreten, in diesem Jahr ist der erste Schwarze in der obersten – der elften – Klasse angekommen. Als ich vor zweieinhalb Jahren dort war, war die Belegschaft allenthalben nach Farben geordnet. Heute gibt es das nur noch in der Kantine, nicht mehr am Arbeitsplatz. Und die verschiedenfarbigen Betriebsräte werden heute von einem multiracial committee überwölbt, in dem die Beteiligten nach ihrer Fabrikzugehörigkeit, nicht mehr nach Rassen geordnet zusammensitzen. Bei Siemens sind während der letzten sieben Jahre die Löhne der Schwarzen um 220 Prozent erhöht worden, die der Weißen nur um 120 Prozent. Fast ein Drittel aller Schwarzen hat inzwischen an kaufmännischen und technischen Ausbildungskursen teilgenommen, was früher nicht zulässig war. Und einige hat die Firma für ein Jahr auf die Universität geschickt, um ein Studium in Personalführung zu absolvieren.