Von Ute Naumann

Im ersten Studienabschnitt bekommt der Pharmazie-Student eine wissenschaftliche Grundausbildung. Im zweiten Abschnitt büffelt er Kernfächer: Pharmazeutische Chemie, pharmazeutische Technologie, pharmazeutische Biologie und Pharmakologie für Naturwissenschaftler. Weil der künftige Apotheker "Verständnis der Arzneimittel Wirkung" haben soll, wird der Student dann noch mit Grundwissen in Anatomie, Physiologie sowie weiteren medizinischen Fachgebieten versorgt. Dies alles dauert, wenn der Student kein Semester verbummelt und alle Prüfungen schafft, dreieinhalb Jahre. Aber erst nach einem weiteren praktischen Jahr (dritter Ausbildungsabschnitt) erhält er die Approbation und ist Apotheker; oder auch – der teuerste Verkäufer, der für den Job hinterm Ladentisch ausgebildet wird.

Denn hinter dem Ladentisch landen weitaus die meisten. Nur wenige wählen nach viereinhalb Jahren streßerfüllter Paukerei einen Arbeitsplatz im Krankenhaus, in der Industrie, bei der Bundeswehr, in der Verwaltung oder an der Universität.

Während jeder andere Verkäufer als Mittler zwischen Kunde und Ware sein Fachwissen und seine Überzeugungskraft verkaufsfördernd einsetzen kann, ist der hochqualifizierte Fachmann Apotheker weitgehend an die Leine gelegt: Er verkauft, was der Arzt auf Rezept verordnet. Die Anzahl der Medikamente, die er – weil rezeptfrei – empfehlen und an den Kunden bringen kann, wird immer geringer. Der Gesetzgeber hat drastisch eingegriffen und in den letzten Jahren für immer mehr Medikamente Rezeptpflicht verordnet, um Schaden vom Volke zu wenden. Denn das war auf dem Wege, sich mit Hilfe selbstverordneter Pillen und Pulver krankzuschlucken.

Der Abstieg des einst so angesehenen Apothekerstandes zum Pillenverkäufer hat die Branche frustriert. Viele finden, daß viereinhalb Jahre Studium in einem Mißverhältnis zu den Handlangerdiensten stehen, auf die sie nach und nach hindegradiert wurden. Denn ihre Hauptaufgabe früherer Zeiten – nach den Rezepturen der Ärzte Pillen zu drehen, Pulver zu mischen und Salben anzurühren – macht heute nur noch ein Minimum des Geschäfts aus (vom Gesamtumsatz drei Prozent).

Aber damit konnten sich viele Pharmazeuten noch abfinden, solange das lange Studium lukrative Entschädigung Versprach. Apotheken, das weiß fast jeder, galten als Goldgruben. Über mangelnden Arzneimittelkonsum konnten sich die Pharmazeuten nicht beklagen. 1970 gab jeder Bundesbürger durchschnittlich 117 Mark für Arzneimittel aus. 1974 waren es schon 180 Mark. Das brachte den Apothekern damals eine jährliche Steigerungsrate von satten elf bis zwölf Prozent Seither jedoch geht’s bergab. Fürs Jahr 1976 wurden zwar Pro-Kopf-Ausgaben von 209 Mark errechnet, und 1977 waren es 223 Mark – aber das machte im Vergleich zum Vorjahr nur noch eine Steigerung von 6,7 Prozent aus. Zunehmendes Kostendenken im Gesundheitswesen und drosselnde staatliche Maßnahmen der Arzneimittelkosten werden die Zuwachsraten weiterhin minimieren. Aber das ist es nicht allein, was die Apotheker das Fürchten lernt. Am heftigsten klagen sie gegen sich selbst. Sie vermehren sich "wie die Kaninchen" (so ein Standesvertreter).

Es gibt in der Bundesrepublik rund 15 600 Apotheken und jedes Jahr kommen etwa 5000 neue hinzu. Fast 40 Prozent sind sogenannte "Einmann-Apotheken"; insgesamt arbeiteten 1977 in den Apotheken 26 220 Pharmazeuten macht statistisch 1,8 Apotheker pro Apotheke. Nicht mal jeder zweite Approbierte in den freien Apotheken ist Gehaltsempfänger.