Lucky Luke ist der Held einer Comic-Strip-Zeitschrift. Ein prima Bursche in der Art des amerikanischen Cowboys, den auch die französischen Kinder lieben. Und hier sein Merkmal: Er trägt einen Zigarettenstummel im Mundwinkel. Nein, er trug ihn, bis die Gesundheitsministerin Simone Veil einschritt. Diese in Frankreich sehr beliebte, weil ebenso charmante wie energische Frau hat es auf einen Prozeß ankommen lassen. Als sie gewann, nahm Lucky Luke gehorsam die Zigarette aus dem Mund. Ihm blieb nichts anderes übrig.

Im großen und ganzen hatte die Ministerin nichts gegen Lucky Luke, der ein unerschrockener Kerl ist, aber diesmal in die Knie gezwungen wurde von einer zarten Frau. Nicht weniger als ihr Opfer verfügt sie über Humor: Der ihre ist fein, der seine eher grob. Weil sie es aber ernst meinte, verging ihr das Lachen. Zieht sie landein. landaus gegen die Gefahren des Nikotins zu Felde, das sie für eine der großen Geißeln der modernen Welt hält, so stand Lucky Luke ihr im Weg. "Nimm die Pfeife aus dem Mund, du Schuft!", komponierte Weill auf den Text von Brecht. Die Ministerin muß die Melodie ihres Namensvetters im Ohr gehabt haben.

Den Kampf, den Madame Veil führt, darf man sich nicht ganz einfach vorstellen. Erinnern wir uns noch einmal daran, was Dr. Dichter, das amerikanische Werbegenie aus Wien, uns einmal erzählt hat: Die Teefarmer, Teemischer, Teehändler, sie alle würden ihm eine anständige Summe zahlen, könnte er dies Getränk so beliebt machen, wie es der Kaffee in den USA ist. Aber der Tee sei schon seit Washingtons Tagen ein "weichliches", ein weibisches, ein englisches Getränk, während der Kaffee "männlich" und amerikanisch sei. Zugleich mit den Briten habe eben auch der Tee den Unabhängigkeitskrieg verloren. Wer hier einschreiten wolle, müsse das Teeimage verändern. Beim Tee, da plaudert, da lächelt man. Beim Kaffee, da sagt man seine Meinung, da lacht man laut, da haut man auf den Tisch. "Wenn es gelingen soll, den Teemarkt entscheidend anzukurbeln", so sagte Dichter, "können nur indirekte, untergründige, unterbewußte, psychologisch tief fundierte Werbemethoden angewandt werden. Erst muß am Patienten Tee ein Geschlechtswandel vorgenommen werden."

Dies Gespräch liegt Jahre zurück. Doch bis heute, so versicherten mir amerikanische Freunde, hat Dr. Dichter es nicht geschafft, daß kernige Kerle, wenn sie in Zorn geraten, einander Tee ins Gesicht schütten anstatt Kaffee oder Schnaps. Noch nicht einmal Tee mit Rum.

Womöglich haben ebenfalls "geheime Verführer" aus der Tabakwerbung ehemals dem Lucky Luke die halbe Zigarette zwischen die Lippen geschoben: diesen Stummel, der so sehr symbolisch ist. Solange er im Mundwinkel klebt, ist die Welt in Ordnung, denn Lucky Luke ist mit sich im reinen und seinen Gegnern in jeder Lage überlegen. Prägt sich dies Bild den Kindern ein – und es hat sich offenbar eingeprägt – so wollen sie wie Lucky Luke tapfer und edel sein. Aber dabei fangen sie erst einmal mit der Zigarette an.

"Lucky, die Ministerin kommt,nimm... die Zigarette aus der Schnauze!"