Berlin: "Gerd Neumann – Architekturzeichnungen 1960–1978" –

Da gibt’s nun keinen Zweifel mehr: Architektur, zu Papier gebracht mit Bleistift, Filz und Feder, mit Buntstift und Tusche, ist kein absonderliches Vergnügen weltfremder, sich aus der Wirklichkeit des Alltags stehlender Baumeister mit dem resignierten Drang zu Höherem, sondern schon beinahe wieder. etwas ganz Normales. Nach einer langen Durststrecke, die gekennzeichnet war durch "vordergründige Ökonomisierung des Bauens, der zeitweilig geradezu programmatischen Desensualisierung der Planung und der strikten ‚Funktionalisierung‘ auch der Zeichnung (!)" (Gerd Neumann), haben Architekten wieder Sinn für ästhetische Etüden und obendrein den Mut, sie auch zu machen und vorzuzeigen. Auf den Versteigerungen der letzten zwei, drei Jahre erlangten Bücher und Zeichnungen dieses Fachs ungewöhnlich hohe Preise, und in den Büros landen Skizzen immer seltener gleich im Papierkorb, immer öfter in den Mappen für die Zukunft: Es könnte doch sein, daß sie kostbar werden; es könnte doch sein, daß sie dem archivalischen Nachruhm dienlich sind! Derlei Spekulationen kommen einem freilich überhaupt nicht in den Sinn, wenn man die Zeichnungen, Skizzen, Bilder des Berliner Architekten Gerd Neumann betrachtet. Zweierlei macht seine Ausstellung zugleich aufschlußreich und liebenswert: Er ist ein guter Zeichner, und es macht ihm offensichtlich Spaß, Einfälle auf dem Papier auszuprobieren, auch zu finden, zu provozieren, zu formulieren, Gedanken zu versuchen, mit ihnen zu spielen, sie zu ordnen, auch zu träumen. So liest man nicht selten Bezeichnungen wie Phantasien, Raumvisionen, Aphorismen, Paraphrasen, und so überrascht es auch nicht, Kleists Erfahrung von der "allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden" zitiert zu finden und das Reden mit dem Zeichnen vertauscht zu wissen. Am ehesten würde Gerd Neumann die Zeichnung mit dem Selbstgespräch vergleichen, das auch "im Einzelfall einer Bauaufgabe" helfe, einen "Zugang zur Architektur" zu finden. Sie ist ein Ausdrucksmittel, eine von ästhetischem Vergnügen begleitete Denkhilfe. Die Ausstellung offenbart es immerzu. Man sieht nachgedachte alte, gedachte neue Architekturen, Paraphrasen über Ruinen, überaus kunstvolle Grundrißspiele, stereometrische Kompositionen (deren Elemente oft an Werkzeuge und Maschinen erinnern, Gebäude an Schrauben, Terrassen an Gewinde); man sieht Möbelskizzen, Besteckparodien, Allegorien, Reiseskizzen, Porträts. Man wird Zeuge einer sich vor allem räumlich ergehenden Phantasie, die sich dann auch an realen, Entwürfen ablesen läßt. (Kunstbibliothek Berlin bis zum 20. Januar, Katalog 7,50 Mark) Manfred Sack

Berlin: "Alte und Neue Kunst – Auktion Gerda Bassenge"

Seit Jahren zählt Piranesi zu den hochfavorisierten Künstlern der Galerie Bassenge, auf Auktionen und in Sonderausstellungen – Wurde sein graphisches Oeuvre hier regelmäßig präsentiert Diesmal, zum Piranesi-Jubiläum, ist er besonders reich und mit Hauptwerken vertreten. Die "Carceri" werden in der kompletten Folge der erweiterten Ausgabe von 16 Radierungen (Schätzpreis 25 000 Mark) angeboten, das fetzte, sehr seltene Werk, das sich erstmals nicht mit römischer, sondern mit griechischer Architektur befaßt, die "Differentes vues ... de Pesto" steht ebenfalls in einem kompletten Exemplar (38 000 Mark) zur Verfügung, außerdem gibt es die Capricci sowie einzelne Veduten. Bei der Alten Graphik findet man wichtige Blätter von Dürer ("Die Geburt Christi" in einem exzellenten Druck, für 20 000 Mark) sowie Radierungen von Hirschvogel und Hanns Lautensack, die zu den schönsten Landschaften des 16. Jahrhunderts gehören. Unter den Rembrandt-Radierungen ist die Große Flucht nach Ägypten hervorzuheben, dieses sehr berühmte, sehr gesuchte Blatt, an dem sich die Verbindung von Elsheimer über Seghers zu Rembrandt eindeutig nachweisen läßt (auf 15 000 Mark taxiert). Aus dem Umkreis der Romantik sind Namen wie Koch, Nerly, Olivier, Schnorr von Carolsfeld zu erwähnen, außerdem, als kunsthistorische Rarität, die Reliefentwürfe, die Christian Friedrich Tieck, der Bruder des Dichters, auf Goethes Empfehlung für die Prinzessin von Weimar hergestellt hat. – In der modernen Abteilung dominiert die "Berliner Schule" mit Künstlern wie Lesser Ury, Orlik, Kollwitz, Hofer, Künstlern und Schmidt-Rottluff, von dem Aquarelle und kraftvolle Pinselzeichnungen aus allen Schaffensphasen angeboten werden. – (Versteigerung 5. und 6. Dezember, Katalog 20 Mark)

Gottfried Sello

Dortmund: "Conrad Felixmüller"

"Des Künstlers Gestaltung ist das innere Gesicht – dieses ist seine Wahrheit. Diese Wahrheit ist Kreuzung von Wirklichkeit und Vision", notierte der 22jährige Conrad Felixmüller 1919 und suchte die "natürliche Wiedergabe von Natur" und "unwirkliche phantastische Visionen seelischer Art" im Kunstwerk zu verschmelzen. Seine frühen Versuche, Brücken zu schlagen zwischen Anschauung und Vision, sichtbarer und verdeckter Wirklichkeit, sind Teil der Ausstellung, die mit mehr als dreihundert Arbeiten höchst unterschiedlicher Qualität den Maler, Zeichner und Graphiker zwischen den Polen nicht nur verschiedener Stilrichtungen zeigt. Spuren von visionärem Expressionismus und neuer Sachlichkeit, sozial engagiertem Realismus und idyllischem Naturalismus sind zu sehen; der Maler farbiger Stilleben und intakter Landschaften wird vorgestellt, der Beobachter von Zirkus- und Varietéwelt, aber auch der Künstler, der Anfang der zwanziger Jahre Mitglied der KPD ist und sich nachdrücklich mit der Arbeitswelt auseinandersetzt, alte Bergarbeiter, Invalide zeichnet, den "Proletarier als Modell" festhält – als Modell/Beispiel für Menschen, die einer menschenfeindlichen, verletzenden Umwelt ausgesetzt sind, ums Leben betrogen. Die Gruppe der Gemälde, Zeichnungen, Holzschnitte aus der Arbeitsweit ist eine der dichtesten und überzeugendsten der Ausstellung, deren Ausgangspunkt Themen sind, die von dem 1977 gestorbenen Felixmüller wiederholt aufgegriffen wurden. Das zentrale Thema: der Mensch. Porträts der Familie, von Freunden, Kollegen, Künstlern wie Otto Dix, P. A. Böckstiegel, Carl Sternheim entstanden in allen Schaffensperioden und belegen nun auch in der Dortmunder Präsentation den hohen Rang des Porträtisten – wie auch die zahlreichen Selbstbildnisse, Selbstuntersuchungen und -inszenierungen, in denen sich Felixmüller stellt, den Betrachter direkt ansieht, Skepsis und Zweifel nicht verbirgt und dabei doch selbstbewußt bleibt: bewußt seiner selbst (Museum am Ostwall bis 3. Dezember, anschließend Nassauischer Kunstverein Wiesbaden und Saarland-Museum Saarbrücken, Katalog 16 Mark) Raimund Hoghe