Es ist fast zwanzig Jahre her, daß ich auf einer Buchmesse zum erstenmal Bücher, Kinderbücher, von Kate Greenaway entdeckte. Das heißt, ich entdeckte, daß diese Bücher immer noch oder erneut käuflich zu erwerben waren. Ich habe sie, als ich Ende dreißig war, gekauft. Warum? Um sie meinen Kindern zu zeigen? Nur die Älteste war zu dieser Zeit alt genug, um vielleicht Interesse daran zu finden. Tatsächlich haben die Kinder, vor allem die Jüngste, erst sehr viel später Kate Greenaway, neben anderem, entdeckt, im Alter von dreizehn oder vierzehn Jahren. Habe ich die Bücher für mich gekauft? Warum habe ich mich für Beatrix Potter und ihre "Peter Rabbit"-Serie interessiert? Erinnerungen an die "Häschenschule" von Koch-Gotha? Irgendwann in den sechziger Jahren habe ich, um die Frage einmal von einer anderen Seite her zu stellen, die Comicserien mit dem Kinderdetektiv Tintin, heute als Tim und Struppi auch deutschsprechenden Kindern selbstverständlich vertraut, und Obelix und Asterix entdeckt, Jahre vor meinen Kindern. Wo lag das Motiv, woher kam der Impuls?

Zweierlei fällt mir auf, wenn ich der Frage nachdenke. Das Reizmoment solcher Bücher wurde wirksam bei mir in einem Alter, in dem meine eigenen Kinder eben erst dem handfesten Spielzeugalter entwuchsen; die Kleinstkinderbücher, die wir damals für sie besorgten, übten überhaupt keinen Reiz auf mich aus. Dieses personale Alter fiel zusammen mit einer gewissen Zeitstimmung Anfang bis Mitte der sechziger Jahre, fiel zusammen mit der wiedererwachenden Aufmerksamkeit etwa für das Werk Walter Benjamins, für die Neigung Benjamins, Kinderbücher zu sammeln, sie in die Erwägungen zur Literatur überhaupt einzubeziehen, fiel zusammen mit der Neuentdeckung des Jugendstils und gerade dem Typus von Bilderbuch, der durch den Jugendstil beeinflußt war (Greenaway bis Caspary oder Josef Lada, den Illustrator des "Schwejk"). Es fiel aber auch zusammen mit der Neubewertung der Comics überhaupt, die im deutschen Sprachbereich bei H. C. Artmann einsetzte, und fiel weiterhin zusammen mit der Tendenz, die Grenzziehungen zwischen sogenannter trivialer und sogenannter ernster Literatur kritisch zu ersetzen, diese Grenzziehungen im Versuch, neue und übergreifende Kriterien zu formulieren, als nebensächlich und überflüssigerscheinen zu lassen, gleichsam den Entwurf einer Sozialisierung des gesamten literarischen Bereichs ins Werk zu setzen.

Das alles gehört, so meine ich, zusammen; und man sollte es zunächst einmal so, zusammen, •sehen, nicht, gleich eine historisch-ästhetische Theorie daraus zusammenzimmern. Synopse, oder wie sagt man? Hinzu kommt aber etwas anderes, und das ist der zweite Punkt, den mein Nachdenken zutage gefördert hat. Benjamins Interesse an Kinderbüchern war einmal kunstgeschichtlich, kulturgeschichtlich ausgerichtet. Er sah das Kinderbuch auch als Spiegel einer bestimmten kulturgeschichtlichen Epoche und Entwicklung. In den Forschungsaspekt des Historikers mischte sich jedoch eine, wenn man so sagen kann, Neugier ein, die auf das Echo im eigenen Inneren eingestellt war. Das Kinderbuch erschien in diesem Aspekt als Dokument der eigenen Vorgeschichte, als Zeugnis für die Frühgeschichte des Subjekts. Wie sieht dieses Echo aus? Welcher Art sind die Erinnerungen, die sich von sehr frühen Bucherfahrungen weiterpflanzen ins Erwachsenendasein? Was ist bestimmend geblieben von den "Wurzelkindern", dem deutlichsten Bilderbuch meiner eigenen Kindheit, den Illustrationen der Märchenbücher, woher die unauslöschliche Liebe zur Prinzessin mit den Entenfüßen oder zu Potthennerken? Welchen Grundstein haben in meine Phantasie die Vignetten aus der Zwergenküche in der Ausgabe des Kochbuchs von der Davidis von vor 1914 gelegt, welchen die Holzstiche im Realienbuch für die Provinz Hannover, das mein Vater in der Schule benutzte, welchen die Abbildungen zur "Schatzinsel", zu den Schildbürgerstreichen, die Holzschnitte von Ludwig Richter in Langewiesches Blauen Büchern, Doré zu Münchhausen, Wilhelm Busch, ein anderer Wilhelm Busch mit Illustrationen zu Steubens "Rotem Sturm", die erste Buchlektüre, die des "Mümmelmann" von Hermann Löns, Wilhelm Ubbelohde zu Grimms Märchen?

Wenn ich mich an Ludwig Richter erinnere, so weiß ich, daß diese Holzschnitte mir einen, ich will einmal sagen, positiven Geschmack von Sonntag vermittelt haben, der bis heute schmeckbar, nachschmeckbar ist. Ubbelohdes Graphik hat mir ganz bestimmte Eindrücke von Landschaft geweckt. Sie steht auch am Anfang der ersten Eindrücke von Bildern, von Kunst: Leibl, Klinger, Böcklin, Dante Gabriel Rossetti. Ich erfahre, wenn ich dem Echo der Kinderbücher im Untergrund meiner subjektiven Erfahrung nachhorche, nicht Erkenntnis, nicht Einblick, sondern sinnlichen Eindruck. Bilder und Sprachzusammenhänge sind für mich von einem sinnlichen Klima erfüllt, das ich nur schwer korrekt beschreiben kann. Die Zufälligkeit, die durch äußere Umstände der Erziehung, der elterlichen Interessen, der gesellschaftlichen und politischen Regulative der Kinderjahre bewirkte Zufälligkeit dessen, was mir in die Finger und vor die Augen kam, spielt überhaupt keine Rolle mehr vor der sinnlichen Füllung des Erlebnisses mit diesen Zufallsbegegnungen. In der Einfärbung meiner sich bildenden Subjektivität spielt das Ingangkommen des sinnlich erfahrenen Reizapparats eine weitaus stärkere Rolle als der abziehbare oder vergleichbare oder zu kritisierende Inhalt dieser Produkte.

Mit einem Sprung könnte ich nun, was meine eigene Erfahrung mit Kinderbüchern, mein eigenes Verhältnis zu Kinderbüchern betrifft, beide Enden zusammenbiegen und sagen: wenn ich zu einem bestimmten Zeitpunkt als Erwachsener auf Bücher mit Illustrationen von Kate Greenaway gestoßen bin und diese Bücher gekauft habe, so war das ein Versuch, die Landschaft meiner Vorerinnerung und Früherinnerung zu ergänzen und zu akzentuieren. Zugleich hätte ich in der Fülle der Bücher, die ich als Erwachsener immerzu ansammle und deren Eindruck in immer erneuerter und immer veränderter Weise mich weiterhin beeinflußt, konkret, sinnlich, nicht begrifflich, nicht erkenntnismäßig, oder wenn, dann nur über das Konkrete hinweg, Kanäle offen gehalten in die Vergangenheit, in den Untergrund meiner Subjektivität. Ist das so? Kann ich das tatsächlich sagen? Ich weiß es nicht. In der Beschreibung der Vorgänge, wie ich sie hier stichwortartig versucht habe, entfaltet sich so etwas wie die Topographie meines Lesens. Dieser Topographie meines Lesens gewärtig zu werden, ist der erste Schritt, den ich, so scheint mir, zu leisten habe, will ich mir überhaupt Bewußtsein verschaffen über Motive und Impulse, denen ich in der Wahl meiner Bücher folge.

Kinderbücher sind also auch für mich als Erwachsenen wichtig? Ohne Zweifel. Sie sind jedoch nicht wichtig in der Form einer Mode oder eines Trends des heutigen Buchgewerbes. Das sogenannte Reprint-Geschäft ist in diesem Gewerbe zu immer größerer Bedeutung gekommen. Es gibt heute Nachdrucke historischer Werke, die unabhängig von ihrem Wert allein wegen des Airs der Altertümlichkeit aufgelegt und gekauft werden. Ich freue mich natürlich, wenn ich heute die "Wurzelkinder" oder die "Häschenschule" oder ein komplexes Werk wie das "Theater-Bilderbuch", in dem sich beim Aufklappen vier Guckkastenszenen aufrichten mit davorgedrucktem Dialogtext, original und neu 1978 erschienen bei J. F. Schreiber in Eßlingen, kaufen kann, wie alt, jedoch ladenfrisch. Aber ich unterscheide zwischen der Ausnutzung des Angebots und dem Charakter des Angebots. Es ist wie mit so vielen Dingen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hinter dem Reizmoment, das, wie geschildert, vielfältig begründet werden kann und auf das ich reagiere, steckt doch zugleich die geschäftliche Kalkulation, der ich mißtraue. Eine immer komplexere, immer mehr sich ausweitende und differenzierende Skala der Anregung für Phantasie, Einbildung, Imagination wird ausgeweitet. Die Nuancen des Angebots nehmen immer mehr die möglichen Nuancen der Nachfrage, der Begier, der Neugierde voraus. Aber das Angebot selbst folgt den Gesetzen des Warenhandels. Ist das gut? Gewinne ich, wenn ich der sinnlichen Lust des vielfältigen Angebots in diesem Supermarkt folge? Oder werde ich nur getäuscht und mit Werbetricks hinters Licht geführt?

Ist es mit Kinderbüchern auch so? Ich muß gestehn, daß es mir gleichgültig ist. Ich setze bewußt Naivität ein, obwohl das ein Widerspruch in sich ist. Aber warum sich nicht einmal so verhalten? Was ich nicht mag, was mir immer mehr zuwider ist, das ist die Professionalität des Kinderbuchgeschäfts, das sind sowohl die professionellen Schwärmer für Kinderbücher wie die, die professionell damit umgehn wie die, die sie professionell herstellen. Ich habe was gegen Kinderbuchautoren, und die Tatsache, daß man als Kinderbuchautor selbst in der Sowjetunion eine Art Millionär werden kann, macht es nicht besser. Ich erkenne da eine Lücke, die ich nicht auffüllen kann. Wen ich an Kinderbuchautoren kenne oder was ich von Kinderbuchautoren weiß, erregt in mir nur zunehmend das unbehagliche Gefühl, daß sie allesamt eine nichtgelebte eigene Kindheit nachholen müssen. Ich selber habe als Autor mich diesem Metier zu nähern versucht, und abgesehen von der Tatsache, daß man zu manchen Dingen einfach nicht die Begabung mitbringt, was für mich sicher zutrifft, habe ich doch auch im ungeschickten Vorüberlegen gespürt, ja erkannt, daß es mir, mir persönlich, unehrlich erscheinen würde, wenn ich mit Kindern und für Kinder anders reden würde, als ich es normal tue. Ich müßte eine Rolle einnehmen, in der ich mir vorkäme wie der sprichwörtliche Weihnachtsmann. Sind Kinderbuchautoren allesamt sprichwörtliche Weihnachtsmänner?

Wie gesagt: hier klafft eine Lücke, ein Spalt, hier zeigt sich eine Differenz. Darüber nachzudenken wäre vielleicht eine weitere Überlegung wert.