Professor Richard Löwenthal, einer der angesehendsten Politologen der Bundesrepublik, ist aus dem „Band DIE ZEIT befragte ihn zu den Gründen dieses spektakulären Schrittes.

ZEIT: Sie, haben den „Bund Freiheit der Wissenschaft“ mitbegründet und in seiner umkämpften Frühzeit wiederholt gegen Angriffe von links verteidigt, auch in unseren Spalten. Warum sind Sie jetzt aus ihm ausgetreten?

Löwenthal: Nach der Gründungserklärung, die ich entworfen habe, ist der Bund zur Verteidigung eines Grundrechts, eben der Freiheit der Wissenschaft, geschaffen worden, die durch freiheitsfeindliche Extremisten an den Hochschulen und undurchdachte Hochschulgesetze gefährdet wurde, die diesen Extremisten Macht gaben. Zu diesem Ziel haben sich damals kämpferische Liberale aus allen demokratischen Parteien zusammengeschlossen. Sie haben später auch den Kampf gegen das Übergreifen der extremistischen Einflüsse von den Hochschulen auf die Schulen, durch solche ideologischen Verirrungen wie die ursprünglichen Hessischen Rahmenrichtlinien für Gesellschaftskunde, geführt.

In den vier Jahren seit meiner Eremitierung bin ich im Bund nicht mehr aktiv gewesen. In dieser Zeit hat sich die Führung des Bundes über das ursprüngliche defensive Ziel hinaus, veranlaßt gesehen, ein Gesamtkonzept der Bildungspolitik zu entwickeln, das nach meiner Meinung mit dem überparteilichen Charakter des Bundes nicht vereinbar ist.

Worin hat sich das gezeigt? Zuerst darin, daß sich der Bund im Frühjahr zusammen mit der CDU an. dem nordrhein-westfälischen Volksbegehren gegen die kooperative Schule beteiligte, und zwar unter der Losung: pro Schule – contra Gesamtschule. Eine, solche Kampagne gegen die Gesamtschule ist aber nicht mit dem Prinzip der Chancengleichheit in der Bildung zu vereinbaren, das ich als überzeugter Sozialdemokrat vertrete.

Haben Sie sich überzeugt, daß es sich hier nicht nur um einen regionalen Einzelfall, sondern um eine bewußte Wendung in der Gesamtpolitik des Bundes handelt?

Ich habe im Laufe des Sommers meine Besorgnisse in Gesprächen mit meinen Freundenim Vorstand des Bundes zum Ausdruck gebracht. Mir wurde zunächst versichert, sie selbst seien in Fragen der Schulpolitik nicht so zu Hause, und ich solle der Sache nicht soviel Gewicht beilegen. Aber auf der Mitgliederversammlung in Bonn (am 22. November 1978, d. Red.) wurde im Tätigkeitsbericht eben dieses Volksbegehren als die wichtigste Aktion des Bundes in den letzten zwei Jahren gefeiert... und prinzipiellbegründet. Erst daraufhin habe ich meinen Austritt erklärt.