Ein unterschätztes Buch? Weit mehr: ein, in Anbetracht seiner Bedeutung, nahezu unbekanntes. Scheinbar ein Nebenwerk, in kurzer Zeit niedergeschrieben, um das Drehbuch zum Film "Es geschah am hellichten Tag" bis zur letzten, will heißen:

schlimmstmöglichen Konsequenz zu durchs denken – und in Wahrheit ein großer Roman, das epische Seitenstück zum "Besuch der alten Dame".

Zwei umgekehrte Lebensläufe: Claire Zachanassian, die alte Dame, die es vom Dorf-Aschenputtel zur Millionärin bringt, vom Opfer zum Racheengel, und der Kommissar Dr. Matthäi, ein ob seines Scharfsinns ("ein Mann der Organisation, der den Polizeiapparat wie einen Rechenschieber handhabte") hoch angesehener Oberleutnant, dem am Ende nichts als Suff, Verblödung und Wahn bleibt.

Was witzig, beiläufig und schweizerisch beginnt – der Autor trifft vorm "Einnachten, bei tiefliegenden Wolken und tristem Schneegestöber" in Chur ein, um einen Vortrag über die Kunst des Kriminalromans zu halten; aber das Echo ist deplorabel, da zur gleichen Zeit Emil Staiger in der Aula des Gymnasiums über den späten Goethe spricht – was salopp und höchst realistisch einsetzt, mit Whisky, Medomin und Bodennebeln, erweitert sich auf einer zweiten und dritten Erzählebene zu einem metaphysischen – aber wirklichkeitsträchtigen – Traktat über das Thema "Verbrechen und Zufall".

Der Fall des Organisationsgenies Matthäi gewinnt. den Charakter eines Paradigmas: Ein Mann geht zugrunde, weil er den Eltern eines ermordeten Mädchens "bei seiner Seligkeit" versprach, den Täter zu finden – im Glauben, daß sich dort, wo einer Gelübde ablegt, ebenso logisch operieren lasse wie in der zufallslosen Welt des Alltagverbrechens. Doch eben dies erweist sich als Irrtum des homo faber im Polizeibüro (die Beziehungen zwischen dem "Versprechen" und Max Frischs Roman liegen auf der Hand): Ein auf sein Seelenheil eingeschworener Routinier ist kein Techniker mehr, sondern ein Mensch, der in der Auseinandersetzung mit dem Verbrecher – einem Kindermörder, der auf dem Weg zur letzten Tat tödlich verunglückt – um seine Existenz kämpft: dem Zufall und der Absurdität ausgesetzt. Je genialer sein Plan, je perfekter seine Konstruktion, desto gnadenloser das Scheitern. Ein automobilistisches Mißgeschick – Albertchen, der Mann mit dem Rasiermesser, ist eine Sekunde lang nicht ganz, bei der Sache –, und schon für immer verspielt!

Ein Requiem auf den Kriminalroman, wie der Untertitel dieser vielfach verschachtelten, von Intelligenz, Realismus und Phantasie nahezu berstenden Geschichte heißt? Man kann das akzeptieren: vorausgesetzt, daß auch "König Ödipus" als Kriminalroman akzeptiert wird. Denn Kommissär Matthäi, der Logistiker in Schnapsdunst und Lumpen, hat mit seinem griechischen Vorbild, diesem großen Allesplaner und Allesbeherrscher, nicht nur den Verstand und nicht nur die Blindheit und nicht nur das Scheitern, sondern auch die Tragik gemein – eine Tragik freilich, die sich im Fall Matthäi deshalb lediglich, als Mißgeschick erweist, weil der um seine Seligkeit fechtende Polizist (der bei seinem besessenen Kampf selbst vorm Menschen-Einsatz nicht zurückschreckt: Alles dem einen Ziel untergeordnet, die Schachpartie gegen. Unbekannt bis zum Sieg durchzuführen), weil dieser Kommissär in einer Welt lebt, in der, wie es in Dürrenmatts "Theaterprobleme" heißt, "Kreons Sekretäre den Fall Antigone erledigen".

Was bedeutet, daß Ödipus heute nicht mehr Kolonos Auferstehung feiern kann, sondern an einer Graubündener, Landstraße als Tankstellenwart dahinvegetiert: ein Opfer des Zufalls – aber, vielleicht, ein seliges. (Roman; dtv 1390, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1978; 122 S., 4,80 DM) Walter Jens