Scott O’Dell hat 1963 für "Die Insel der blauen Delphine" den Deutschen Jugendbuchpreis bekommen. In diesem Buch erzählte er von dem Indianermädchen Karana, das von seinem Stamm allein auf der Insel vor Südkalifornien zurückgelassen wurde und das seitdem dort lebt, mit einem Hund als einzigem Gefährten. Diese Insel und die unterdessen erwachsene Karana spielen auch im neuesten Roman des Autors eine Rolle.

Scott O’Dell: "Das verlassene Boot am Strand", aus dem Amerikanischen von Inge M. Artl; Benziger Verlag, Zürich/Köln; 152 S., 15,80 DM.

Karana, die Freie und Ungebundene, die wie die Voreltern des Stammes ganz aus eigenen Kräften und den Gaben der Natur existiert, ist die Gegenfigur zu den Missionaren und Soldaten der Garnison in der Nähe der Insel. Zia, Karanas Nichte, ist mit ihrem Bruder zu dieser Mission gewandert, um die unbekannte Tante besuchen und vielleicht heimholen zu können. Doch zwischen ihnen stehen die Patres und die Soldaten, die Fremden, die sich wie strenge Väter verpflichtet fühlen, den Indianern Regeln und Ordnungsformen aufzuzwingen, was – zusammen mit ihrer unbedenklichen Ausbeutungslust – dazu führt, daß viele junge Indianer, auch Zias Bruder, die Mission verlassen und stehlend und sengend durch die Gegend ziehen. Zia aber bleibt, weil ein Fischer ihre Tante zu bringen versprach. Karana kommt tatsächlich, fremd auch sie, im Graskleid und mit einer Sprache, die selbst Zia nicht versteht. So bleiben ihrer Zuneigung nur Gesten, und auch Karanas Wunsch, wie immer frei zu sein und nicht in einem Haus zu schlafen, für die, Gringos arbeiten zu müssen, kann nur drastisch geäußert werden: Karana zieht in eine Höhle am Ufer um und stirbt dort bald, "weil sie ihre Insel vermißte, wie ich mein Dorf vermißte". Nach Karanas Beerdigung hält Zia nichts mehr, und sie macht sich mit dem Hund der Tante, einer Decke und einem Tontopf auf den 300 Kilometer langen Weg nach Hause.

Der Autor läßt das Mädchen selbst erzählen, ruhig und ohne Anklage. Sie hat versucht, bei den Weißen zu leben, aber die Mission ist nicht ihr Zuhause, Deshalb trennt sie sich von den Patres und läßt sie ratlos mit all dem Nützlichen zurück, das sie Zia und die Ihren lehren wollten.

Eine melancholische Parabel, die vollkommen ohne Aufwand und Ideologie nur durch Bilder von der Vergeblichkeit spricht, Menschen durch Zwang und jene Überheblichkeit zu erziehen, die es sich nicht vorstellen konnte, daß Wilde ohne westliche Lebensweise glücklich waren. Dem Autor der in Kalifornien lebt und sich viel mit der Kultur und Religion der Indianer beschäftigt hat, ist es gelungen, mit der Gestalt der Zia alle darzustellen, die sich nicht ändern lassen wollen und über die unsere Kinder noch mehr als wir werden nachdenken müssen: Prüfsteine für manche humanitäre Parolen, die sich so leicht nachplappern lassen. Sybil Gräfin Schönfeldt